102
De Potter's politisches Ende.
s2. Kap.
Wahlen zu einer Nationalversammlung aus, an denen sich jeder Bürger,der 25 Jahre alt und unbescholten war und eine Steuer von 13—150Gulden zahlte, betheiligen durste. Diese Versammlung sollte auch ent-scheiden, ob der Prinz von Oranien als Regent angenommen werden solle,oder nicht. Der Prinz unterwarf sich dieser Entscheidung und erklärte,selbst an die Spitze der Bewegung treten zu wollen. Allein er vermochtedas Mistrauen der Belgier nicht zu besiegen, namentlich da der Königdie letzten Schritte des Prinzen laut misbilligte und demselben am 25.October das Mandat entzog. Der Prinz reiste am 26. October aufeinem englischen Schiffe nach London ab. Antwerpen, Mastricht und Ven-loo wurden nun in Belagerungsstand erklärt. Die Belgier, unter Mel-linet und Nillon, versuchten am 24. October einen Angriff auf die Hol-länder bei Barch em, und warfen sie nach Antwerpen hinein, wo dieEinwohnerschaft über sie herfiel und sie zum Rückzüge in die Citadellenöthigte. Der Commandant derselben, General Chassö, ein entschlossenerund schonungsloser Krieger aus Napoleon's Schule, ließ sofort die Stadtbombardiren. Gegen 200 Häuser, darunter das große Kaufhaus miteinem Waarenlager von 4 Millionen Thalern, wurden eingeäschert, sodaßman acht Stunden weit den Himmel geröthet sah und die Trümmer nochvier Wochen nachher rauchten.
Wie in allen bürgerlichen Unruhen, so fanden auch in Belgienmancherlei Ausschweifungen des berauschten und von fanatischen De-magogen erhitzten Pöbels statt. So mußte man in Brügge bewaffneteinschreiten, weil das Volk, wüthend über den geringen Verdienst unddie Stockung der Geschäfte, zehn bis elf Häuser geplündert oder demolirthatte. Aehnliche Scenen fanden vom 18. bis 22. October in Brüffelstatt. In Löwen ermordete man am 28. October den General Gaillard,am Fuße eines Freiheitsbaumes, auf empörende Weise. Auch führte derFactionsgeist bald Hader und Streit zwischen den leitenden Häuptern desAufstandes herbei. De Potter, durch sein Märtyrerthnm und durch dieglänzende Aufnahme verführt, betrachtete sich als den Haupthelden der Re-volution und beschuldigte Jnan van Halm des Strebens nach der Dictatur,weil dieser sich von dem unpraktischen de Potter und Genossen jede Ein-mischung in Militairangelegenheitm verbat und den Pöbel im Zaume zuhalten sich bemühte. Don Jnan van Halm nahm daher am 4. Octoberden Abschied. Die katholische Partei sah diesem Treiben, das die Re-gierung ihren Händen überliefern mußte, mit geheimer Freude zu. Baldbrach der Zwiespalt in der liberalen Partei offen aus. De Potter, derendlich zu der Einsicht kam, daß er zu allen praktischen Geschäften un-brauchbar sei, und dessen Idee einer Förderativrepublik auf allseitigenWiderspruch stieß, trat aus der provisorischen Regierung. Seine letzteThat war die Eröffnung des belgischen Nationalcongreffes am 10. November.