114
Chlopicki ergreift die Dietatur.
f2. Kap.
gehen mochte, so knüpfte er Unterhandlungen mit Rußland an und sandteden Fürsten Lubecki und den Landboten Jedzierski nach Petersburg, umGarantien für die Beobachtung der Konstitution von 1815 und Wieder-vereinigung der ostpolnischen Provinzen mit dem Königreiche zü fordern.Jedermann sagte die Erfolglosigkeit dieses Schrittes vorher und auchChlopicki mochte davon überzeugt sein. Er organisirte daher das Heer,gedrängt von den Demokraten, um, wenn eine abschlägige Antwort käme,unter den Mauern Warschaus wenigstens die Ehre der polnischen Waffenzu retten und dann bessere Bedingungen vom Kaiser zu erhalten. Niko-laus ließ die Abgesandten aber nur in ihrer alten Eigenschaft als Finanz-minister und Landboten vor sich und forderte vorerst Unterwerfung derPolen, dann wolle er ihnen verzeihen. JedzierSki reiste mit dieser wenigtröstlichen Botschaft allein zurück, da Lubecki in Petersburg blieb. SeinBericht erregte alle Leidenschaften gegen Chlopicki, dem man vorwarf, erwolle sich blos bei Rußland einschmeicheln und verrathe die Nation. Manchegewaltsame Schritte gegen die demokratische Partei hatten seine Beliebt-heit beim Volke untergraben und sein Zaudern in militairischen Angele-genheiten ihm alles Ansehen beim Heere geraubt.
Am 4. December hatte sich nämlich der Verwaltungsrath aufge-löst und einer provisorischen Regierung Platz gemacht, zu deren Mitglie-dern Fürst Czartoryski, Pac, Kochanowski, Dembowski, Nicmcewicz,Ostrowski und Lelewel gewählt wurden. Die Regierung berief nun ausden 18. December den Reichstag. Chlopicki, dem ein großer Theil derDemokraten schon damals mistraute, fühlte sich durch seine Aus-schließung von der provisorischen Regierung, wie durch die Anfeindungender Clubs so beleidigt, daß er den Oberbefehl des Heeres niederlegte.Die provisorische Regierung gerieth darüber in lebhafte Bestürzung/dennnoch immer war Chlopicki der populärste Name und Niemand vorhanden,dem man die Feldherrnwürde anvertrauen konnte. Czartoryski, welcherden Ansichten Chlopicki's am nächsten stand, beschwor ihn daher, das Va-terland nicht zu verlassen. Die Hörer des Professor Szyrma, einespersönlichen und wissenschaftlichen Gegners Lelewel's, hatten von diesemVorfall kaum gehört, als sie den patriotischen Club auseinandertriebenund sich als Ehrengarde um Chlopicki schaarten. Am folgenden Tageernannte die provisorische Regierung den General zum unumschränktenBefehlshaber. Dieser erklärte aber, „daß er ihrer Ernennung nicht be-dürfe, sondern als ein Mann, der das größte Opfer für sein Vaterlandbringe, die Dictatur selbst ergreife (5. December) und sie biszur Eröffnung des Reichstages behalten werde. Die Regierung wolle er,mit Ausnahme Lelewel's, als Ministerium beibehalten. Im gegenwärti-gen Augenblicke müsse man sich blos mit den inneren Feinden beschäftigen .und diese zur Ruhe bringen." Daraus schwang sich Chlopicki auss Pferd