Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
117
JPEG-Download
 

2. Kap.)

Erste Siege der Polen.

117

die Schiffe hinter sich, welche ihnen die Rückkehr unter russische Herrschaftermöglicht hätten. Es wurde eine Regierung, aus Czartoryski, Niewojewski.Morawski, Barzykowski und Lelewel bestehend, gewählt (30. Januar),welche fast alle Rechte, die sonst dem König zugestanden hatten, erhielt.Diese Beschlüsse wurden gefaßt, als schon die russischen Armeen an denpolnischen Grenzen standen. Am 5. Februar rückten sie auf elf Punkten,von Grodno bis Uscilug, in das Königreich Polen ein, um Warschau vonallen Seiten zu erdrücken. Das russische Heer bestand aus 118.000Mann mit ZOO Kanonen und wurde von Diebitsch befehligt. Die Polenkonnten ihm im Felde nur 50,000 Mann und 100 Kanonen entgegen-stellen, welche in vier Infanteriedivisionen unter Krukowiecki, Zymirski,Skrzynecki und Szembeck, und drei Reiterdivisionen unter Jankowski,Suchorzewski und Lubienski und eine Cavaleriereservedivifion unterSkarzynski und Kickt eingetheilt waren. Was den Polen an Streitkräftenfehlte, das ersetzte ihre patriotische Begeisterung, und was diese trotzschlechter Führung geleistet hat, wird immer die staunende Bewunderungder Nachwelt erregen. Vor Allen zeichnete sich das vierte Regiment,die Lieblinge Konstantins, aus, welche geschworen hatten, keinen Schußzu thun, sondern stets mit dem Bajonet anzugreifen. Chlopicki — dennRadzivill gab nur den Namen — hatte die Polen staffelförmig aus denbeiden Straßen von Warschau nach Kowno und Brzesc vorgeschoben.Praga war der Stützpunkt; hier sollte die Entscheidung erfolgen. Ob-wohl damit den Russen halb Polen preisgegeben war, und Chlopickideswegen herben Tadel erleiden mußte, so war die Stellung dennoch gutgewählt. Die ersten Lorbern pflückte sich der polnische GeneralDwer nickt, indem er am 14. Februar Geismar's Vorhut bei Stoczekgänzlich auseinandersprengte. Skrzynecki warf bei Dobre den Vor«trab des Rosen'schen Corps zurück (15. Februar), und hielt am 17.Februar den Andrang dieses ganzen Corps bis zum Abend auf. Dannzog er sich in guter Ordnung auf Grochow. Dorthin wichen auch lang-sam die Divisionen Szembeck und Zymirski, nachdem sie am 19.Februar bei Wawre gegen das Rosen'sche und Pahlen'sche Corps, welcheDiebitsch selbst befehligte, die erste bedeutende Schlacht geliefert, und sichnur vor der Uebermacht zurückgezogen hatten. Damals war es auch, wodie polnischen Vorposten den russischen weiße Fahnen mit der Aufschrift:„wir fechten für eure und unsere Freiheit" gaben. Als sich Diebitsch dasverbitten ließ, entgegnete Radzivill: „er habe nichts dagegen, wenn derFeidmarschall den polnischen Vorposten ähnliche Fahnen übergeben lasse."

Diebitsch sah mit Erstaunen, daß Niemand zu ihm überging, wieer gehofft hatte; denn in Rußland war man der Ansicht, es mit blosVerführten zu thun zu haben, und hatte geglaubt, durch einige mili-tärische Bewegungen den Ausstand bald erdrücken zu können.