Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
142
JPEG-Download
 

142

Herzog Karl von Braunschweig.

s2. Kap.

ferner verordnet, daß Niemand Bittschriften überreichen dürfe und befoh-len, daß die Gemeinden Ehrenpforten auf eigene Kosten errichten sollten.Wie erstaunte der Großherzog, als er auf dem ersten Landtage, vom 16.Juni bis 1. November 1830, die bittersten Klagen der Stände über diezunehmende Verarmung des Landes hörte und seine Anträge auf höhereApanage der Prinzen und Uebernahme seiner Schulden von zwei Millio-nen Gulden, die er als Erbprinz gemacht hatte, abgewiesen sah. Dagegenertheilten die Kammern dem mit Preußen abgeschlossenen Zollvertrage ihreZustimmung und bewilligten die Fonds zur Gründung einer katholisch-theologischen Facultät zu Gießen. Das Budget verringerten sie um 340,000Gulden. Der dingende Staatsminister du Bois Freiherr du Thilwußte die Ruhe durch kluge Umsicht zu erhalten und die liberale Bewe-gung durch rechtzeitigen Ernst auf dem Niveau eines mäßigen Oscillirenszuhalten. Die Presse war hier, wie allerwärts, für den Liberalismusund die Polen thätig. Eine Adresse von vierhundertundfiebzehn DarmstädterBürgern, zu Gunsten Polens einzuschreiten, ging sogar an den Bundestagab, was dieser sehr übel vermerkte. Obwohl die Regierung sich der Ein-wirkung aus die im December 1831 stattfindenden Kammerwahlen enthal-ten hatte, verweigerte sie schließlich doch den gewählten liberalen Beamtenden Urlaub, wie sie schon vorher der Wahl des liberalen AbgeordnetenErnst Emil Hoffmann zum Bürgermeister von Darmstadt die Be-stätigung vorenthalten hatte. Die Ordonnanzen des Bundestags vom Jahre1832 wurden von der Regierung mit Freuden begrüßt und pünktlichstbefolgt. Dazu gehörte die Aufhebung des Cassationshofes für Rheinhessen,weil von ihm nicht so leicht Verurtheilungen politisch Angeschuldigter zuerlangen waren.

Am weitesten gedieh die revolutionäre Bewegung im HerzogthumBraunschweig, und zwar ging sie hier vom Adel aus und steigertesich bis zur Vertreibung des legitimen Landesherrn. Herzog Karlwar noch unmündig, als sein edler Vater bei Quatrebras fiel (S. NeueGesch. S.355 u. 393). Der Prinzregent von England, als Haupt desWclfischen Hauses, führte die Vormundschaft und bestellte zum dirigirendenMinister des Herzogthums den Geheimen Rath vonSchmidt-Phi-seldeck, mit der Weisung, sich in zweifelhaften Fällen an den hannöver-schen Minister, den Grasen Münster, zuwenden. Schmidt Phiseldeckvereinbarte nun mit den braunschweigischen Ständen eine Verfassung,welche am 25. April 1820 von Georg iV. unterzeichnet ward. Am 23.October 1823 trat der Herzog Karl die Regierung selbst an, nachdem erdas Herzogthum Oels seinem jüngeren Bruder Wilhelm überlasten hatte.Bald gewannen ränkevolle Frauen und ehrgeizige, nicht im besten Rufstehende Männer einen solchen Einfluß auf den herrschsüchtigen und in