2. Kap.)
Willkürhandlungen des Herzogs Karl.
143
seiner Erziehung vernachlässigten Herzog, daß er aus Haß gegen die vor«mundschastliche Regierung die Maßregeln derselben theilweise aufhob, dieVerfassung außer Kraft setzte, und den Grasen Münster durch einenStaatsdiener fordern ließ. Um Geld für seine verschwenderische Hofhal-tung zu gewinnen. griff er zum Verkauf der Domainen, wobei ihn derKanzleidirector Bitter, nachher als Freiherr von Andlaw geadelt,unterstützte. Den Adel behandelte Karl aufs Schimpflichste und entblö«dete sich nicht, verdiente Männer zu kränken und die Urtheile der Gerichts-höfe , welche sich der Beleidigten annahmen, zu cassiren. So verfuhr ergegen die Freiherren von Sierstorpff und Oeynhausen, Männer,die durch ihren Charakter, ihre ehrenhafte Gesinnung und Tapferkeit imBefreiungskriege sich allgemeiner Achtung erfreuten. Sierstorpff, durchein Verbot des Herzogs aus dem Lande gewiesen, suchte beim Bundes«tage Hilfe, wohin sich auch Georg IV. und die Stände gewendet hatten.Der Bundestag restituirte das vom Landgericht zuWolsenbütte! zu Gun-sten Sierstorpff's erlassene und vom Herzog zerrissene Urtheil und er-klärte, daß dem Freiherrn von Sierstorpff nichts im Wege stände, in dasVaterland zurückzukehren. Wegen der ständischen Beschwerden und derder ehemaligen vormundschaftlichen Regierung verfügte der BundestagExecution gegen den trotzigen Herzog, welchen seine Camarilla, der Staats-rath Bosse, der Justizrath Flicke, der Oberconsistorialpräsident vonHurlebusch und der Legationsrath Klindworthin seinen Despoten-launen bestärkt haben soll. Der zweideutige Witt von Dörringund der verabschiedete Professor Schütz übernahmen die Rechtfertigungdes Herzogs in der Presse.
Bei der beabsichtigten Rückkehr Sierstorpff's (1829) drohte derHerzog mit Kartätschen, wenn sich Braunschweigs Bürger unterfingen,den mishandelten Greis mit einem Fackelzuge zu empfangen. Sierstorpffging daher nicht nach Braunschweig. Bald sollte eine neue Aeußerungdes Herzogs, die ihm in den Mund gelegt wurde, den Grimm des Volkesvermehren. Man behauptete nämlich, der Herzog habe am Sarge des grei-sen und schwer gemishandelten Viceoberstallmeisters von Oeynhausendie Worte gebraucht: „Ich muß mich an Leichen gewöhnen!" als ob derHerzog im Sinn hätte, ein Blutbad unter Braunschweigs Bürgern an-zurichten. Den Sommer 1830 brachte der Herzog in Paris zu und ver-geudete große Summen, während sein verarmtes Land daheim unter denNachwirkungen des verflossenen Winters Mangel litt. Beim Ausbruchder Julirevolution floh Karl erst nach Brüssel und dann in seine Haupt-stadt, sich mit der Hoffnung schmeichelnd, daß er größere Kraft und Ent-schiedenheit in Bekämpfung rebellischer Unterthanen, als Karl X., beweisenwürde. Dabei zeigte er aber die größte Aengstlichkeit vor einem Attentatund ritt nie ohne Pistolen aus. Als am 1. September 1830 eine Depu-