Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
153
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2. Kap.)

Excesse in Preußen.

153

In dem zumHerzogthum Gotha gehörigen Fürstenthum Lichten-de r g schürte der Pfarrer Iuch in St. Wendel unaufhörlich das Feuer,welches bei der Nähe des süddeutschen revolutionairen Gleichendes stärkerals anderswo flackerte, bis das Fürstenthum Lichtenberg (21. September1834) an Preußen überging, welches dafür an den Herzog von Koburgeine Rente von 89,000 Thalern zahlte.

Die Schreckenstage von Leipzig und Dresden übten ihre volle Rück-wirkung auf das nahe Alten bürg, obwohl dieses Ländchen sich einersehr geregelten Verwaltung erfreute und Wohlstand, Bildung und Selbst-gefühl alle Stände durchdrängen. Am 13. September 1830 zog einwahrscheinlich von geistigen Getränken erhitzter Haufe gegen das Schloßvor, nachdem er einige Polizeidiener beschimpft und geschlagen hatte. Dergreise Herzog eilte persönlich aufs Rathshaus und versprach eine allge-meine Amnestie, Abschaffung der drückendsten Steuern, Vergütung derWildschäden, Errichtung einer Communalgarde und Erlaß einer Verfas-sung. Die Bewegungen im Amte Kahla gegen die Beamten wurden mitKraft unterdrückt. Am 22. September feierte der Herzog Friedrich seinfünfzigjähriges Regierungsjubiläum und nahm den Erbprinzen Josephzum Mitregenten an. Minister wurde der populäre von Gabelentz,welcher jedoch nach Erlaß des Grundgesetzes vom 29. April 1831 starb.Seitdem erfreute sich das Land einer gedeihlichen Entwickelung.

Im Königreich Preußen brachen zwar in mehreren Städten Tu-multe aus, ohne jedoch eine politische Färbung zu tragen. In Aachen zer-störten die Fabrikarbeiter und Tagelöhner die großartigen industriellenSchöpfungen Cockerill' s (30. August 1830), und konnten nur durchdas Feuer der schnell zusammentretenden Bürgergarde auseinandergesprengtwerden. Die Berliner Schneidergesellen, entrüstet über das polizeiliche Ver-bot des Tabakrauchens aus der Straße, revoltirten zwei Tage hinter ein-ander , bis die Gensdarmerie von ihren Waffen Gebrauch machte. Alsdie Verordnungen des Generalstabsarztes Rüst zur Verhütung derCholera mit Strenge ausgeführt wurden, gemeine Wärter in gräß-lichen Vermummnngen zu Wächtern der Kranken und ihres Eigenthumseingesetzt, die Todten aus abschreckende Weise beerdigt wurden, ergriff dieniedern und mittlern Stände ein fürchterliches Mistrauen gegen die Aerzteund Regierungen, zumal die „Staatszeitung" versicherte, daß nur „diegemeinen Leute" von der Krankheit ergriffen würden. Unheimliche Ge-rüchte von Vergiftungen der Brunnen, oder der Kranken selbst durch dieAerzte, liefen von Mund zu Mund und fanden leider Glauben, da diePresse, welche allein hier berichtigend eingreifen konnte, durch eine strengeCensur daran verhindert wurde. Es fanden deshalb mehrere gefährlicheAuflaufe des niedern Volkes in Königsberg, Stettin, Berlin, Breslau,Burg u. s. w. statt. Der kostspielige Grenzcordon und die Mobilifirung