4. Kap.s Koffuth. — Beschlüsse des ungarischen Reichstags. 365
sterung keine Schranken kannte. Abends wurde unter Fackelschein nachder Burg gezogen, wo Reden in allen Zungen erklangen und Italienerund Deutsche sich in den Rufen: „Es lebe der Kaiser!" und „Lvvivu?io noiro!" vereinigten. Gleiche Aeußerungen stürmischer Freude wur-den überall laut, wohin die Nachricht von der verheißenen Konstitutionkam. Die Jesuiten und Liguorianer dagegen begaben sich aus die Flucht.Der ungarische Reichstag hatte am 14. März auf Kossuth's Antrag,außer einer Adresse mit den bekannten Forderungen, noch folgende wich-tige Beschlüsse gefaßt: „Alle Steuern und öffentliche Lasten, auch dieKriegssteuer, ohne Unterschied des Standes unverzüglich nach gleichemVerhältniß zu vertheilen, die Urbariallasten und bäuerlichenGiebigkeiten so gleich aufzuheben, die Grundbesitz er aufStaatskosten zu entschädigen, den Städten noch auf diesemLandtage eine verhältnißmäßige Ausübung des Stimmrechts zu ertheilen,und die Deputirten nicht als Repräsentanten der Comitate oder einer ein-zelnen Kaste, sondern als die Stellvertreter des ganzen Volks zu erklä-ren." — In Prag wurde die böhmische, in Krakau und Lemberg die pol-nische Kokarde aufgesteckt. Die politischen Gefangenen verließen ihre Ker-ker und kehrten zu ihren Familien zurück.
Am 21. März berief der Kaiser den greisen Grafen Kolowratan die Spitze eines verantwortlichen Ministeriums. Die Zeitumständewaren indeß so gewaltig, daß Kolowrat seine Kräfte und seinen Willennicht ausreichend fand. Graf Ficquelmont löste ihn ab; neben ihmsungirten noch v. Pillersdorf, v. Sommaruga, v. Krauß und Zanini, derEnde April durch GrafLatour ersetzt wurde. Dieses Ministerium octroyirteam 25. April eine Verfassung mit zwei Kammern, und einem an demCensus festhaltenden Wahlgesetz. Die Metternich'sche Partei, für derenTräger man Ficquelmont hielt, ergriff nun das Mittel, den Nationalitäten-kampf zu entzünden, um durch Theilung zu herrschen. Zuerst geschah diesin Böhmen, wo die Tschechen sich weigerten, zur deutschen Nationalver-sammlung zu wählen. In Wien war man sehr ungehalten, daß die Re-gierung die Böhmen nicht dazu zwang. Als nun am 14. Mai ein Ta-gesbefehl erschien, welcher die Aushebung des Centralcomitss der Natio-nalgarde anordnete, schrien die Studenten über Verrath, brachten ganzWien unter die Waffen und nöthigten Ficquelmont zum Rücktritt. DerMinisterrath widerrief jenen Befehl und bestimmte, daß die Verfassungerst mit dem Reichstage vereinbart werden und daß dieser aus EinerKammer bestehen und aus allgemeinen, censusfreien Wahlen hervorgehensolle. Das Präsidium des Ministern führte nun der Freiherr v. Pillers-dorf ; Freiherr v. Lebzeiten,, später übernahm Freiherr v. Wessenbergdas Auswärtige, Freiherr v. Doblhoff den Handel, v. Baumgartnerdie öffentlichen Arbeiten.