Band 
(1815 - 1854)
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Flucht Kaiser Ferdinand's I.

s4. Kap.

Die tumultuarischen Zustände in Wien bewogen den Kaiser zurUeberfiedelung nach Innsbruck (18. Mai), von wo Ferdinand I.unterm 20. das Manifest: „An meine Völker" erließ. Er erklärte:„die Vorgänge am 15. hätten ihn überzeugt, daß die anarchischePartei ihn der Freiheit zu handeln berauben wolle; er werde seine Ver-sprechungen halten und billigen Wünschen stets Gehör schenken; nurmüßten sich dieselben als allgemeine bewähren, in loyaler Weise vorgetra-gen, durch den Reichsrath berathen und ihm zur Sanction vorgelegtwerden." In einem Cabinetsschreibcn an Pillersdorf hieß es: „der Kaiserwerde erst dann wieder nach Wien kommen, wenn er sich von den dortigenbesseren Gesinnungen überzeugt habe; der Ministerrath möge einstweilen allesDasjenige vorkehren, was die Lage der Monarchie und die Wahrung desThrones fordere." Als nun das Ministerium die Auslösung der akademischenLegion als solche verfügte (25. Mai), und Militair und Nationalgardemit der Ausführung dieser Maßregel beauftragte, erhoben sich in WienBarrikaden, traten die Bürger auf die Seite der Legion, erzwängen dieZurücknahme dieses Befehls und die Entfernung des Militairs und er-griffen die Grafen Montecuculi und Hoyos als Geißeln. Das Ministeriumstellte es nun den Studirenden selbst anheim, welche Garantien der Ruheund Sicherheit sie bieten wollten, um die Rückkehr des Kaisers zu er-möglichen. — Am 26. wurde ein Sicherheitsausschuß niedergesetzt undam 27. mußte das Ministerium versprechen, die Urheber der kaiserlichenAbreise und des Befehls zur Auflösung der akademischen Legion zur Un-tersuchung zu ziehen. Dagegen erhob sich Prag jetzt gegen Wien. Dortharrte ein von den tschechischen Professoren fanatisirtes Studentencorps,die Svornost, schon längst auf das Signal zum Losbruch gegen dieDeutschen. Am 29. Mai beschloß der Gubernialpräsident, Gras Leov. Thun, die Bildung einer provisorischen Regierung in Prag. — Wäh-rend nun die Wiener den Kaiser mit Bitten um Rückkehr bestürmten,versammelte sich am 2. Juni in Prag der allgemeine Slavencongrcß,der nichts Geringeres beabsichtigte, als Oesterreich zu einem Slavenreichzu machen. Allein die slavischen Kongreßmitglieder, deren jedes in seinerSprache reden wollte, verstanden einander nicht und mußten sich schließ-lich der deutschen Sprache bedienen, die sie wie das deutsche Volk undseine Bewegung haßten. Vom Wiener Ministerium für ungesetzlich er-klärt, hatte die provisorische Regierung andere Mittel in Bereitschaft, umder Tschechomanie gerecht zu werden und sich um das Kaiserhaus verdientzu machen. Leidenschaftliche Volksredner reizten das böhmische Proletariatzu einem Ausstand, den die Tschechen für ihre Sonderintereffen ausbeutenwollten. Das Proletariat war zu Pfingsten durch Messen im Freienund „patriotische" Reden aufs Aeußerste erhitzt worden, neckte schon am10. und 11. Juni das Militair, und fiel am 12. meuchlings über das-