374 Vorgänge im Großherzogthum Posen. s4. Kap.
Am 1. Mai fanden die Wahlen der Wahlmänner zur preußischen,am 8. die zur deutschen Nationalversammlung statt, und wenige Tagespäter gingen die Namen der Abgeordneten aus den Urnen hervor. Fürdie preußische Versammlung wählte man meist die „praktischen Reformer",für die deutsche die „theoretischen Reformer", die Gelehrten und wissen-schaftlich Gebildeten. Fast alle Abgeordneten gehörten der liberalen undradicalen Partei an. Ehe die Nationalversammlung in Berlin zusam-menkam, beging Camphausen den Fehler, die Sache der Rückkehr desPrinzen von Preußen zu einer öffentlichen zu machen. Er beantragte ineinem der Oeffentlichkeit übergebenen Bericht an den König (I I. Mai)die Zurückberufung des Prinzen, um am Versaffungswerke mitzuwirken,weil nach seiner Theorie dasselbe sonst ungiltig werden könnte. DerPrinz war aber damals nicht beliebt, weil — ob mit Recht oder Unrecht— ihm die energischen Widerstandsmaßregeln vom 18. zum 19. Märzschuldgegeben wurden. Jene Angelegenheit, einmal an die große Glockegebracht, machte das Publicum zum Schiedsrichter und rief Protesta-tionen hervor, denen Camphausen willfahren zu müssen glaubte, wo-durch er seine Stellung gleich anfangs untergrub. Er modificirtenämlich am 15 seine Erklärung vom 11. dahin: „daß der Prinz erstnach Eröffnung der Nationalversammlnng und nach seinerseits er-folgte! Zustimmung zu der neu eingeschlagenen constitutionellen Bahn zu-rückkehren werde." Schon damals glaubte man, Camphausen werde ab-treten müssen.
In der Zwischenzeit hatte die Regierung einen Bürgerkrieg zudämpfen, der zwischen Polen und Deutschen im Großherzogthum Posengeführt wurde. In Folge der Pariser Ereignisse war das Großhcrzog-thum mit Truppen überfüllt worden, weil man hier zuerst den Ausbruchvon Unruhen befürchtete. Die Polen, von den vor Rußland bangendenDeutschen aufgemuntert, hofften, die Zeit der Wiederherstellung ihres Va-terlandes sei gekommen; bald werde der Morgen der Freiheit tagen, vonPosen und Galizien aus das Königreich Polen befreit werden. Diefreien Polen wollten die Avantgarden der Deutschen gegen Rußland sein.Das waren die damals im Umlauf befindlichen Ideen. Am 20. Märzberiethen die Polen in Posen eine Adresse und legten unter Hurrahrufdie weiß - rothe Kokarde an. Ein Polen - Comits erließ eine Aufforde-rung „an die Brüder Polen", sich nicht dem deutschen Bunde anzuschlie-ßen, aber auch nicht gewaltsam gegen die Deutschen zu verfahren. Einezweite Proclamation desselben Comitss, „an die Deutschen des Großher-zogthums," sprach die Hoffnung aus, daß die Deutschen die Verbündetender Polen sein würden, in dem Kampf des Lichts gegen die Finsterniß,gegen den Afiatismus. Nachdem die polnische Deputation nach Berlingereist war, um die Abtretung des Großherzogthums zu erbitten, wuchs