Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
375
JPEG-Download
 

4. Kap.) Vorgänge im Großherzogthum Posen. 375

die Aufregung von Stunde zu Stunde. Deutsche und Polen sraternisir-ten; man sah weiß-rothe und schwarz-roth-goldene Kokarden an jederBrust; aber die Stimmung war doch eine gedrückte, denn die Bildungsstufedes gemeinen Mannes gab keine Bürgschaft, daß nicht der Haß gegenDeutsche und Juden bald ausbrechen werde. Um dieses Unglück zu ver-hüten, zog der General v. Colomb seine Truppen aus der Stadt in dieFestung und hob das Standrecht aus, vereinigten sich die städtischen Be-hörden mit dem Comits und organifirten eine Bürgerbewaffnung, ausPolen. Deutschen und Juden zusammengesetzt. Dagegen gahrte es aufdem Lande; Excesse wurden verübt, die Deutschen flüchteten in dieKreisstädte und bewaffneten sich als Landwehr. Das deutsche Na-tionalcomits suchte den üblen Eindrücken, welche die Angriffe der polni-schen Bauern auf das Eigenthum der Deutschen und Juden machten,durch eine Proclamation an die Landsleute und an die Polen zu ver-wischen, mahnte die Einen zur Nachsicht gegen eine zu stürmische und mis-verstandene Vaterlandsliebe, und hielt den Andern vor, wie sie sich derSympathien Deutschlands durch fortgesetzte Gewaltthaten berauben wür-den (24. März). Der König gewährte die Bitte der polnischen Depu-tation, gestattete die polnische Reorganifirung des Großherzogthums, unterder Bedingung: daß die Gesetze geachtet, die deutsche Einwohnerschaft un-gekränkt bleibe. „Polen soll und muß wiederhergestellt werden," sagtendie Exaltirten im Frankfurter und Berliner Parlament, sprachen dieRedner der Volksversammlungen nach; „aber," — setzten die Gemäßig-ten hinzu, — „mit Bewahrung der Interessen Deutschlands, mit Rück-sicht auf die strategische, politische und nationalökonomische Lage unsersNordostens." Diese Polenfrage rief einen lebhaften Schriftwechsel her-vor, in dem Wuttke besonders die deutsche Sache verfocht. Er zeigte, daßdas ganze ehemalige Polen nicht blos von Polen bewohnt gewesen, son-dern daß nach Plater nur ein Drittheil der Einwohnerschaft der polnischenNationalität angehört, daß nicht die Deutschen nach Polens Theilung imGefolge der österreichischen und preußischen Heere eingewandert, sonderndaß die Bevölkerung, wie in Grenzländern oder denjenigen Gebieten,welchen natürliche Grenzen mangeln, von Uranfang eine gemischte ge-wesen sei. Wuttke wies ferner nach, daß schon im 13. JahrhundertPosen, Krakau, Kletzk, Kriewen, Zduny, Exin und Rakel deutsches Rechtbesaßen, und im 14. Jahrhundert dazu sechs, im 15. Jahrhundert neun,im 16. Jahrhundert drei Städte des Großherzogthums traten, wozunach dem dreißigjährigen Kriege, welcher die deutsche Einwanderung insStocken brachte, noch sechs andere Städte und viele Dörfer kamen. Woaber deutsches Recht gegolten, da müsse auch die Bevölkerung überwie-gend deutsch gewesen sein. Diesen in Polen ansässigen Deutschen habedas Land viel zu danken und ihnen doch immer schlecht gelohnt. Die