Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
376
JPEG-Download
 

376 Ausbruch des Bürgerkriegs in Posen. s4. Kap.

Deutschen seien in ihren verbrieften Rechten, in Sprache und Glaubenbeharrlich verkürzt worden. Ost- und Westpreußen und die deutschenOstseeprovinzen seien durch die Polen dem deutschen Reiche entrissen undzu dem Verlust Lothringens hätten die Polen das Ihrige beigetragen.Die österreichische Regierung milderte nach der Theilung die Leibeigen-schaft und regelte die Roboten. Noch viel mehr that die preußische. Sieschuf aus dem Lande einen Stand freier Eigenthümer, baute die verwüste-ten Städte wieder auf, legte Canäle an, verbesserte die Land- und Vieh-wirthschaft, gründete Kirchen und Schulen und eröffnete durch den land-wirthschastlichen Creditverein dem verschuldeten und liederlichen Adel dieMittel, seine Güter in bessere Umstände zu bringen. Es sei Schuld derPolen, wenn sie diese Verbesserungen nicht für sich benutzt und sich vonden Deutschen hätten weit überflügeln lassen. Der Gewerbstand werdebeinahe ganz von Deutschen gebildet; was im Handel und der Industriegeschehen sei, verdanke Polen den Deutschen. UeberdieS belaufe sich dieZahl der Deutschen auf 500,000, während es 700,000 Polen imGroß-herzogthum gebe. Jene Deutschen, welche besonders im Netzedistrict undlängs der brandenburgischen und schlefischen Grenze in dichten Massenbeisammen wohnen, müßten bei der Aufnahme in den deutschen Bund be-rücksichtigt werden, zumal die Deutschen in Posen selbst diese Ausnahmeverlangten. Diese Ansicht erhielt nachmals auch die Billigung des Frank-furter Parlaments.

Alsdie polnische Reorganisation ins Werk gerichtet werden sollte, be-mächtigte sich der Deutschen große Angst, wozu der massenhafte Zuzug derSensenmänner und die Drohung der Polen beitrug, daß ein entsetzlichesBlutbad folgen werde, wenn der König nicht Alles bewillige. Plötzlich trateine Reaction gegen die polnischen Bestrebungen in rein polnischen Di-strikten von Seiten der Bauern hervor, die zu Protokoll erklärten, lieberunter preußischer Herrschaft zu bleiben. An anderen Orten drohten dieBauern ihren Gutsherren mit dem Tode, sobald der geringste Schrittzur Losreißung von Preußen geschehe. Als dies dennoch in Westpreußenerfolgte, erhob sich die ganze deutsche Bevölkerung dagegen. Der Ruf:„wir wollen nicht der Willkür der Polen preisgegeben sein," pflanzte sichvon Kulm und dem Goplosee bis an die Grenzen Schlesiens fort. Pe-titionen von den Deutschen bestürmten den König, sie nicht zu verstoßenvon dem gemeinsamen Vaterlande (31. März).

Die Polen hatten unterdessen die preußischen Beamten verjagt, dieöffentlichen Kassen und Waffenvorräthe an sich genommen und bei Schroda,Trzemeszno undPleschen Lager gebildet, in denen sich nahe an 15,000 MannSensenmänner, Uhlanen, Büchsenschützen mit einigen kleinen Geschützen be-fanden. Der Bauer war übrigens nur unwillig dem Zwange des Adels und