434 Wilhelm IV. lehnt die deutsche Kaiserkrone ab. s4. Kap.
beide Theile ein großes und unentbehrliches Bedürfniß sei; daß die Cen-tralisation, welche über den Bundesstaat hinaus in den Einheitsstaatführen würde, weder nothwendig, noch den wahren Bedürfnissen ent-sprechend sei; daß endlich den einzelnen Staaten nicht zngemuthet werdenkönne, einem großen Theile ihrer Selbstständigkeit anders als zu Gunsteneiner starken Centralgewalt zu entsagen, welche durch kräftigen Schutzdie Opfer vergüte, die fie fordere." Am 23. Februar gelangte eineCollectivnote von den Bevollmächtigten Preußens und der Kleinstaaten,mit Bemerkungen und Abänderungen zu der in erster Lesung festgestelltenVerfassung versehen, an die Nationalversammlung. Bald darauf lösteOesterreich den Reichstag vou Kremfier auf und sprach im Programm vom4. März Grundsätze aus, die eine Einigung mit Deutschland zu hindernschienen. Das Verhältniß zu Deutschland wurde in den österreichischenNoten vom 8. und 13. März erläutert. Oesterreich verlangte ein Di-rektorium mit sieben regierenden Fürsten, von denen Oesterreich undPreußen je zwei, Bayern eine und die übrigen deutschen Fürsten vierStimmen haben sollten. Es drohte im Falle der Nichtberücksichtigung seinerVorschläge mit einer Lossagung von Deutschland.
Das Programm von Kleinster brachte unter den Parteien der Na-tionalversammlung eine neue Gruppirung hervor. Welcher ging zu derpreußischen Partei über und beantragte, die Verfassung in Bausch undBogen anzunehmen und dem König von Preußen die erbliche Kaiserwürdezu übertragen (21. März). Die Abweisung dieses Antrags mit 283gegen 252 Stimmen führte zur Abdankung des Ministeriums v. Gagern.Unter solchen bedenklichen Umständen ging die Versammlung zur zweitenLesung über und beendigte dieselbe vom 22- 28. März, nachdem dieParteien vielfach mit einander unterhandelt hatten. Die österreichischePartei gestattete jede Schwächung der Reichsgewalt; die preußische Parteimachte der Linken eine Concession nach der andern, um die Stimmen der-selben für den preußischen Erblasser zu bekommen. Im Stillen dachtesowohl die preußische als die demokratische Partei, daß, sei nur erst dieVerfassung in Kraft, eine Aenderung derselben eintreten werde, die sichjede Partei zu ihren Gunsten auslegte. Am 27. März wurde die Erb-lichkeit des Kaisers mit 267 gegen 263 beschlossen, und am 28. KönigFriedrich Wilhelm IV. mit 290 Stimmen zum Kaiser gewählt. EineDeputation ging nach Berlin, um dem König die deutsche Krone anzu-bieten. Voll Spannung blickte ganz Europa in Liesen Tagen auf Berlin.Der König, dem die Greuel des Bürger- und auswärtigen Kriegs nichtentgingen, wenn er die Krone annähme, und der die altpreußische,conservative Partei, welcher er Manches verdankte, nicht verletzen mochte,lehnte am 3. April die Kaiserkrone ab.