452 Die Hierarchie und die Siccardischen Gesetze. s4. Kap.
daran gebunden glaubte, widersetzte sich der Einführung. Der ErzbischofFranzoni von Turin verbot seinen Geistlichen, ohne erzbischöfliche Er-laubniß vor weltlichen Gerichten zu erscheinen, und die katholischen Blät-ter forderten die Regierung förmlich heraus, den Klerus doch gerichtlichzu belangen. Die Regierung scheute sich nicht einen Augenblick, denHandschuh aufzunehmen. Herr Franzoni wurde vor Gericht geladen undals er nicht erschien, verhaftet (29. April). Franzoni hätte sich der Un-tersuchung durch die Flucht entziehen können, aber Rom befahl ihm, zubleiben. und den „bitteren Kelch mit echtem Christenthum hinabzuschlür-fen." Die katholischen Blätter erschienen mit einem Trauerrande undschleuderten die heftigsten Artikel gegen die Regierung. Montag den 8.Mai wurde in allen Kirchen das liturgische Gebet „für den gefangenenBischof" angeordnet. Siccardi ließ die ultramontanen Redacteure vor Ge-richt stellen und verurtheilen. Am 23. Mai fand das öffentliche Verfah-ren gegen den Erzbischof statt. Da er alle und jede Antwort verweigerte,wurde in seiner Abwesenheit verfahren. Die Anklage lautete, daß der Erz-bischof durch sein gedrucktes Rundschreiben vom 28. April zu Misachtungund Ungehorsam gegen die Gesetze aufgefordert habe. Die Geschwornenerklärten den Angeklagten einstimmig für schuldig und der Gerichtshofverurtheilte denselben, sehr mild, zu einem Monat Gefängniß, 500LiresBuße und in die Kosten. Die Strafe wurde gleich vollstreckt, aber derKampf damit nicht geendet. Vielmehr brach ein Zwiespalt zwischen derhöheren Geistlichkeit, die ultramontan ist, und zwischen der niederen Geist-lichkeit , die die Siccardischen Gesetze für eine Wohlthat erklärte, aus.Franzoni meinte, „das kleine Häuflein von Priestern und Mönchen, wor-auf sich Siccardi berufe, seien entweder liederliche Menschen oder Verblen-dete, — ein Körper ohne Haupt." Der Papst spielte in seiner Allocutionvom 20. Mai 1850 recht verständlich aus Sardinien an, indem ervon dem scheußlichsten und unerbittlichsten Kriege zwischen Licht undFinsterniß, Christus und Belial spricht. Der Erzbischof von Saffariwurde ebenfalls arretirt, fügte sich aber. Dagegen schleuderte der Erzbi-schof von Cagliari, Marongin (4. September), die Excommunication ge-gen Alle, welche von Turin gekommen waren, die Güter des Klerus ab-zuschätzen und über seine Einnahmen Auskunft zu verlangen. Maronginwurde am 26. September auf ewig Landes verwiesen und nach Lyon ge-bracht. Herrn Franzoni, der gleichfalls nicht nachgeben mochte, tranSpor-tirte man nach Civitavecchia.
Die Finanzen des Königreichs waren durch die Kosten zweier Kriegesehr zerrüttet, der Wohlstand gesunken,, die Schulden gewachsen, die Aus-gaben gestiegen. Bei der antikirchlichen Richtung der durch den Wider-stand des Klerus gereizte» Regierung war es ganz erklärlich, daß mandie Kirchengüter flüssig zu machen und den Klerus aus Staatsmitteln zu