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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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bringt sie zur schnellen kranken Entwicklung; Böswillig-keit und fremdartige Bestrebungen benutzen die vorhan-denen psychischen Dispositionen, streuen den Samenweiter; so erhalten wir das komplicirte Bild des Wahn-sinns im Mittelalter mit seltsam verzerrten Zügen. Diegeschichtliche Darstellung hat die Aufgabe, dieses Ge-wirr von Einflüssen, von Erscheinungen in den einzel-nen Fällen auseinander zu wickeln.

Wir erhalten auf die Weise einen individuellen undeinen socialen Wahnsinn.: Einzelne Fälle von Wahn-sinn bestehen ganz für sich, gehen aus einer indivi-duellen organischen Disposition hervor; die Zeitideentreten blos, accidcutell den Inhalt ihrer Wahnvorstellun-gen bestimmend, hinzu; für die Betrachtung des Einzel-falles sind sie zunächst unwesentlich. Nun greift aber,von einem Falle ausgehend, eine psychische Epidemiemassenhaft um sich; die Konvulsionen, die Predigteneines Wahnsinnigen rufen durch sympathische Erregungbei vielen Tausenden dieselben Erscheinungen hervor(cf. Hecker, über Sympathie. Berlin 1846); das Ge-präge, welches dem zunächst Angestccktcn vielleichtvon dem Ansteckenden noch aufgedrückt war, verwischtsich; die hysterischen Krämpfe einer Nonne werden derAusgangspunkt für die Dämonomanie des ganzen Klo-sters ; das individuelle Krankheitsbild wird nur eine ein-zelne Figur in einem grossen Krankheitsgemälde, zudem jetzt eine allgemeine Idee den Grundton abgiebt.So werden wir von der Betrachtung des Einzelnen ausauf eine allgemeinere Fassung hingetrieben. Denn wennwir in einer Masse von einzelnen Fällen dieselbenZüge wieder erkennen, wenn die ausschweifende Phan-tasie Vieler sich trotz der individuellen Zuthaton immerund immer wieder in dieselben Schemata hinciudrängt,so liegt darin auch die Nöthigung, diese allgemeinen,immer wiederkehrenden Gedankenkreise mit in das Be-reich der Betrachtung zu ziehen. Die medicinische Be-obachtung lehrt uns, dass bestimmte Vorstellungen solcheGewalt auf den Organismus ausüben, dass sie Erscheinungen