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sind darum noch nicht selbst besessen. Wie ich diesan einem andern Orte zu entwickeln mich bemüht habe,bleibt der Irrthum unschädlich und unfähig, den Wahn-sinn hervorzurufen, so lange er dem übrigen Inhalte derSeele assimilirt wird ; er übt erst dann auf den Einzel-nen seine, den ruhigen Fortgang des Denkens störendeWirkung aus, sobald er mit dem vorhandenen, schonfest gewordenen Inhalt des geistigen Lebens in Kon-flikt tritt. Ein Mensch, der an das Besessensein glaubt,ist natürlich weit eher der Gefahr unterworfen, selbstbesessen zu werden, als ein Anderer, der diesen Glau-ben überhaupt in sich aufnehmen müsste. Dass geradedie Dämonomanie so sehr um sich greifen konnte, liegteben darin, dass der Teufelsglaube, der selbst aus demewigen Zwiespalt in der menschlichen Seele hervor-gegangen, diesen Widerstreit, der sein inneres Wesen,immer von aussen auch an die übrigen Gedankenkreisehinzuträgt. Der Teufel, als der natürliche und immerwache Widersacher der Verehrung Gottes, wirft dieZwietracht in die reine, fromme Erhebung. Wer alsoan die Besessenheit glaubte, brachte, da diese Vorstellungsich immer noch mit einer Menge anderer verbindenmusste, gleich den Zwiespalt in sein religiöses Bewusst-sein mit. —
Calmeil beginnt seine Darstellung mit dem fünf-zehnten Jahrhundert; wir erlauben uns eine kurze An-deutung über den geistigen Charakter des Mittelalters(cf. Mein er s, Historische Vergleichung der Sitten undVerfassungen u. s. w. des Mittelalters. 1794. 3. Bd.).
Das Mönchsthum, ein dem Christenthum eigentlichfremdes Element, war schon frühzeitig in die Religionhineingetragen worden. Die Grundsätze der Ascetik,auf denen das Mönchsthum zunächst beruht, sind weitälter, als das Christenthum. Es gab schon längst unterden Heiden, wie unter den Juden Einzelne und ganzeSekten, die sich von der Gemeinschaft anderer Menschenabsonderten, die ein höheres, geistiges Leben erstrebten,welche das bürgerliche Leben verachteten, welche die