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höhere geistige Vervollkommnung durch Martern undKasteiung ihres Leibes zu erreichen glaubten; so dieGymnosophisten, die Essäcr, die Pythagoräcr. Die Ncu-platoniker bauten die Lehren von gänzlicher Ertödtungder Sinnlichkeit weiter fort. Das Christenthum nahmdiese fremdartigen Elemente mit auf. Sein Triumph überdie Bekenner der andern Religionen, als cs selbst Staats-rcligion geworden war, trug mächtig dazu bei, die Suchtnach Absonderung zu vermehren. Die äussern Feindewaren gefallen, der Kampf seiner Bekenner um die Be-rechtigung ihrer Existenz hatte aufgehört, die frühernach aussen verwendeten Kräfte kehrten sich nach innen.Es erhebt sich der Streit zwischen einzelnen Sekten,der Streit um kirchliche Dogmen. Während sich früherViele von dem Getümmel der Welt in die ruhige Ein-samkeit der Wüsten zurückzogen, um in der Stilleeines beschaulichen Lebens zu pflegen, wird das Mär-tyrerthum, dieser Grundzug der Seele, den wir in tau-send Verhältnissen wiederfinden, das früher in dem ge-meinsamen Leid und Kampf seine Befriedigung fand,mehr auf das Individuum zurückgerichtet. Die Zahl derEinsiedler mehrt sich ungeheuer. Als Antonius, derSohn eines Bauers aus Thebais, der Begründer dieserRichtung, 356 starb, wimmelten die Wüsten von Obcr-und Nieder -Egypten von frommen Schwärmern. Pacho-mius wird der Stifter der Klöster, und schon am Endedes vierten Jahrhunderts zählt man über 5000 Mönchein Egypten; in der Stadt Oxyrynch befanden sich 10,000Mönche und 20,000 Nonnen (cf. Theiner, über dieEinführung der erzwungenen Ehelosigkeit unter denchristlichen Geistlichen und ihre Folgen. Altenburg,1845. 1. Bd. S. 100.). So verschiedene Interessen
auch bald in die Klöster hineintrieben, Habsucht, Suchtnach Berühmtheit, Trägheit und Faulheit u. s. w., dieWirkungen blieben dieselben; zu weit getriebene schwär-merische Exaltation des Gemüthes lässt den Verstandverkümmern, oder bringt ihn, wenn noch Etwas davonübrig bleibt, in Konfusion; das ist eine Wahrheit, die