Buch 
Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
Entstehung
Seite
11
JPEG-Download
 

11

man nach allgemein menschlichen Begriffen und Gesetzenanerkennen muss. Das Heilige und Hohe der Religionbleibt dadurch in seinem innersten Wesen unberührt. Eswerden sich im Einzelnen in den später angeführten Bei-spielen genug thatsächlichc Belege für diese Entwicklunglinden (cf. ausserdem Wcssenberg, über Schwärmerei.Heilbronn, 18.35; Zi mm ermahn, über Einsamkeit,der eine Menge von Beispielen zusammengestellt hat, wiedie Schwärmerei der Anachoreten, die unbefriedigte Sinn-lichkeit der Nonnen in Wahnsinn ausartete; endlichTliciner 1. c.j. Worauf es uns hauptsächlich hier an-kommt, wir haben im Mönchsthum eine Summe Von sinn-lichen und psychischen Momenten, welche zu prädispoui-renden Ursachen des Wahnsinns werden mussten; soschlägt der Wahnsinn im Mittelalter hauptsächlich seineWohnung in den Klöstern auf; sie werden häufig die Aus-gangspunkte für die psychische Ansteckung Anderer.

Die Hauptquelle zur Erzeugung von llallucinationenund zu einer Masse A on Wahnvorstellungen im Mittel-alter war der Glaube an die Einwirkung übernatürlicherWesen, an Erscheinungen höherer Naturen, abgeschie-dener Seelen, an die durch Hülfe von bösen Geistern ent-stehenden Beschädigungen von Menschen, Thieren undFrüchten, an die wunderthätigen Kräfte einzelner Natur-gegenstände , der Glaube an einen nicht nur im Dunkelnwirkenden, sondern auch lebendig in die Erscheinung tre-tenden Einfluss der Natur auf den menschlichen Organis-mus als Astrologie und Magie im weitesten Sinne. Diedualistische Ansicht von dem Widerstreit eines guten undbösen Princips ging in der babylonischen Gefangenschaftvon den Parsen zunächst auf die Juden über (cf. Horst,Dämononiagie. Frankfurt a. M. 1818 ). Dem jüdischenMonotheismus eigentlich fremd, schlug diese Ansicht dochim Judenthum bald tiefe Wurzeln; es erwuchsen ganzeScliaaren von bösen Geistern. Wir finden im Neuen Te-stamente schon eine grosse Menge von Besessenen erwähnt.Aus dem Judcnthume ging der Glaube an einen bösen Geistins Christenthum, und zwar in dem Sinne, dass das Reich