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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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die verschiedenen Mittel, deren sie sich bedienen, Andernzu schaden, wcitläuftig anseinandersetzen, hatte das Ilexen-wesen einen Codex, auf den man bei den Untersuchun-gen immer zuriiekging, in dem der abergläubische, grauseFanatismus der Priester Alles fand, was er nur irgendbrauchen konnte ') Die Reformation konnte das Ilexen-

1) Indess Hessen die Theologen doch die Möglichkeit einer nichtvon bösen Geistern hervorgerufenen Geistesstörung zu undführten in einzelnen Fällen das Vorherrschen gewisser Sensa-tionen oder gewisser Ideen auf ein einfaches Leiden des Gehirnszurück. So erzählt Nider, dass ein geachteter, reicher Bür-ger von Köln auf einmal zu bemerken glaubte, dass sein Kör-per doppelt sei. Vergeblich demonstrirte er sich vor, das seiunmöglich; immer und selbst im Bette schien cs ihm, als ob einAnderer noch an seiner Seite läge. Die Hülfe eines Arztes be-freite ihn von dieser Einbildung. Diesen Fall betrachtet Niderals eine Geisteskrankheit. In Nürnberg wurde Nider voneiner jungen Dame consultirt, die sich vom Teufel besessenglaubte und dessalb seit beinahe vier Jahren in der grösstenEinsamkeit lebte. Ihr Gatte, ihre Kinder, ihre Freunde hattensich die grösste Mühe gegeben, sie diesem fürchterlichen Ge-danken zu entreissen; kein Vergnügen hatte sie zerstreuenkönnen; in steter Furcht, der Justiz anheim zu fallen und dieIhrigen unglücklich zu machen, zehrte sie langsam ab. Nidererklärte, der Teufel habe Nichts mit ihr zu thun und sie leideblos an Melancholie, und seine Worte fanden so guten Eingangin ihr Gemüth, dass sie ihre llulie und Zufriedenheit wiedererlangte. In Wien beobachtete er einen Mann, der durcheinen starken selbst verschuldeten Acrger geisteskrank gewor-den war; die von den Aerzten angewendeten Mittel hatten keineHülfe gebracht, und da man fürchtete, er werde später, wenndas Uebel Fortschritte machte, (kis Sakrament nicht mehr em-pfangen können, so liess man ihn beichten, als wenn er wirk-lich schon seinem Tode nahe wäre. Das aber war für ihn erstrecht die Veranlassung, sich für todt zu halten. Er verweigertehartnäckig, Nahrung zu sich zu nehmen und andere Funktionenzu verrichten. So ging er zu Grunde, obgleich man noch nebensein Bette einen angeblich Todten gesetzt hatte, der mit demgrössten Appetit immerfort ass und ihn dadurch in seinem trau-rigen Entschlüsse wankend machen sollte. Keiner zweifelte andem Wahnsinn dieses Menschen. Ein Anderer, ebenfalls sehrvornehm und so reich, dass er, wie Nider sagt, Gold hätteessen können, bildete sich plötzlich ein, er sei ruinirt und müssebetteln. Er ging ebenfalls an dieser Geisteskrankheit zu Grunde.Das Uebel übertrug sich auf seinen Sohn. Dann behandelteNider in Bamberg einen armen Künstler, der sich ohne Hoff-nung auf Bettung verloren glaubte und in jedem AugenblickeWaffen forderte, um sich den Tod zu geben; Gott könne ihmkeine Gnade schenken. Wenn man ihm entgegnete, dass diegöttliche Barmherzigkeit noch viel schlimmere Sünder, als er