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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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in der Einsamkeit mit ihm unterhielt: er war überzeugt-,dass cs ein Genius sei; denn da ihn dies Wesen auchin die Kirche begleitete, so musste cs zu den guten Engelngehören. Dieser Genius unterhielt sich mit ihm in allenSprachen, las in der Zukunft und wusste die verborgen-sten Geheimnisse. Er war bald wie ein Einsiedler an-gezogen, bald wie ein gewöhnlicher Reisender. 1510kam Torralba nach Spanien und verkündete überall seineHallucinationen. Der Hof war über die Kühnheit undSicherheit seiner Weissagungen erstaunt, und der Erz-bischof von Toledo war im höchsten Grade neugierig, denGenius von Angesicht zu Angesicht zu sehen; aber, wiecs im Prozess von Torralba heisst, er verweigerte zuerscheinen. Als Torralba wieder nach Rom zurückgckchrtwar, wurde die Macht seines Genius noch grösser; ertrug ihn in einem Augenblicke nach Venedig, und soschnell war die Bewegung gewesen, dass die Scinigcnnicht einmal seine Abwesenheit gemerkt hatten. Auf dieBitte des Kardinals von Santa Cruz brachte Torralba zurBeobachtung die Nacht bei einer Dame zu, die von einemGespcnste gequält wurde. Das Gespenst erschien unterder Gestalt eines Gemordeten mit todtbleichcm Gesichte.Torralba sah sogleich die Gestalt eines Mannes und einerFrau, und hörte die beiden Gestalten sogar mit einandersprechen. Eine andere gegenwärtige Person bemühtesich vergeblich, nur das Geringste wahrzunehmen. 1519kehrte Torralba nach Rom zurück und erzählte dort so-gleich, er habe die ganze Reise mitten durch die Luft,auf einem Stocke reitend und geführt von einer leuchten-den Wolke, zurückgelegt. Diese Erzählung machte soviel Aufsehen, dass der Kardinal von Volterro wieder denWunsch äusserte, den Genius zu sehen; aber abermalszeigte dieser keine Neigung zu erscheinen. Als 1525Rom in die Gewalt der kaiserlichen Truppen gefallen warund wie eine feindliche Stadt behandelt wurde, verkün-digte Torralba, der sich damals in Valladolid befand, wieer an die Ufer der Tiber geführt worden sei; in der Luftschwebend, das Meer zu seinen Füssen und über seinem