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Die Däner und die Häufigkeit der Anfälle wa r verschie-den. Es war eigenthümlich, dass, sobald eine Nonneihre Anfälle bekommen hatte, die übrigen auch auf ent-fernten Lagerstätten ebenfalls davon befalle:)) wurden,sobald sie nur das Geräusch der Befallenen hörten. •Willenskraft besassen die Nonnen gar nicht; sie bissen ;sich selbst, schlugen und bissen ihre Gefährlimnen, stürz- \ten sich auf einander, versuchten Fremde gewaltthätig 'zu verwunden. Versuchte mau der Zügellosigkeit ihrerHandlungen Einhalt zu tliun, so wurde der Tumult unddie Exaltation noch ärger; liess man sie gewähren, sokam cs wirklich zn Bissen und Verwundungen, ohnedass es ihnen indess besondere Schmerzen zu verur-sachen schien. Anna Langon (Weier nennt, sie Lem-gou), die zuerst an einem Schmerz im linken Ilypo-chondrium litt und von Epilepsie befallen zu sein glaubte,machte eine Pilgerfahrt nach dem Kloster Nonhertic, undman liess sie dort aus dem Schädel des heil. Corneliustrinken, aber das Uebel wurde ärger. In ihren hyste-rischen Anfällen sprach sie manchmal ganz laut; siewusste dann sehr gut, dass sie Töne von sich gab,aber ein anderes Wesen schien in ihrem Innern zusprechen, und nach dem Anfälle schien sie die ihr wäh-rend des Paroxysmus entfallenen Worte vergessen zuhaben oder nur mit Beschämung sich ihrer zu erinnern.Weder über Gutes noch Böses konnte sie nachdcnken,sie schien ohne Sinn und Urtheil. Wenn ein gott-
ergebener Mensch zu ihr sprach, so schien ihr dies wieeine Strafe des Teufels; wenn aber die Weiber mit ihrüber nichtige Dinge redeten, so gewährte es ihr Er-leichterung. Als man sie exorcisirte, warf sie eine MengeBlut aus. Später wurde sie im Schoosse ihrer Familiegesund, wohin der Wille ihres Vaters sie zurückgcnom-men hatte; aber lange Zeit nachher rief der blosse An-blick eines Briefes aus dem Kloster noch einen allgemei-nen Tremor bei ihr hervor. Die Besessenen klagtenalle über eine brennende Empfindung auf der pluniu pedis,als wenn mau kochendes Wasser darauf gegoisscn hätte.