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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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Amsterdam von Konvulsionen und Delirien ergriffen.Drcissig Kinder (nach Wier lib. IV. cap. VIII., nachReal sogar siebzig) litten an der Krankheit. Sie stürz-ten plötzlich zu Boden, wälzten sich eine Stunde odereine halbe Stunde lang Avie Besessene auf dem Fuss-boden, und Avenn sie dann aufstanden, so envachten sieAvic aus einem tiefen Schlafe- sie AA-ussten nicht mehr,Avas ihnen begegnet. Gebete, Besclnvörungen und Exor-

vurde, avozu eine Masse von Geistlichen und andern Volk,Katholiken und Hugenotten Can 30,000) zusaminengeströmt war,wäre es beinahe zum Handgemenge gekommen, weil der eineTheil es für ein AVunder,. der andere für eine Betrügerei hielt.Der Prinz von Condü liess sie einsperren, Karl IX. behandeltesie mit grossem Wohlwollen und liess sie Avieder in Freiheitsetzen.

Sie Avar in ihrer Jugend von einem Hunde an der Stirn ge-bissen und durch einen Steinwurf am Kopfe verAvundet Avorden;seitdem Avar die Entwickelung ihrer geistigen Fähigkeiten zu-rückgeblieben, aber sie Avar sehr fromm geAvorden. Als sieeines Abends allein in der Kirche von Vervins betete, hinge-streckt auf dem Grabe ihres Grossvaters, näherte sieb ihr plötz-lich eine menschliche Gestalt in ein Leichentuch eingehiillt.Das Phantom giebt sich für den Geist ihres Grossvaters aus,und bittet sie, durch ihre guten Werke ihn ans dem Fegefeuerzu erlösen. In Folge des Schreckens über diese Vision, diesich auf dem Rückwege nach Hause noch wiederholte, wurdebei Nicole die Menstruation plötzlich unterdrückt. Zu Hauseempfand sie sogleich einen heftigen Druck auf dem Magen.Sie warf sich seitdem oft auf den Fussboden und blieb Stundenlang beAVUsstlos liegen; der Geist ihres Grossvaters sprach danninnerlich mit ihr und verlangte, dass sie Almosen gäbe und Pil-gerfahrten mache; aber es war Alles umsonst. Der Pfarrer,der wegen der häufigen Anfälle von Konvulsionen um Rath ge-fragt AA-urde, versicherte sogleich, die Erscheinung wäre keinguter Geist, sondern der Teufel. Seitdem nahmen die Hallucina-tionen und das Delirium eine andere Form und Farbe an. Esumgaben sie Schaaren von Teufeln mit brennenden, dampfendenFackeln. Böse Geister stürzen sich auf sie unter der Formvon grossen Katzen und wollen sie heissen und ihr die Augenauskratzen; in ihren hysterischen Anfällen können sie mehrereMänner kaum vor Verletzungen hüten. Sic bleibt nach den An-fällen oft taub, stumm, auf der linken Seite gelähmt, znsammen-gekriimmt; die Stimme in ihrem Innern verkündet manchmaldie Zeit der Anfälle vorher, und der Anfall bricht pünktlich umdieselbe Zeit aus. In ihrem Wuthparoxysmus schimpft sie aufAlle, die ihr irgendwie missfallen. Die Katholiken beteten fürdie Besessene; aber die Hugenotten, die aufgehört hatten anden Teufel zu glauben, waren so entrüstet, dass Nicole Laonverlassen musste. Sie kehrte nach Vervins zurück, wo sie nachund nach geheilt wurde. (Cf. das Werk von Jelian Bou-loese, 1. Bd. in 4°. Paris 1478.)

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