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Die Schwester Barbe de St. Michel sah in der Nachtmehrmals in ihrer Zelle eine grosse Zahl angezündeterKerzen. Sic konnte kaum drei Schritte machen, ohnedass ihr die Knice auf einmal zusammengebogen wurden,und dann fiel sie hin. Der Schwester Marie de St. Ni-colas erschienen zwei schrekliche Gestalten; die eine ineiner Nacht gegen vier Uhr des Morgens. Es war einalter Mann mit einem grossen Barte, der dem verstorbe-nen Beichtvater Picard glich. Die andere Form erschienals ein grosser, schwarzer Kopf am hellen Tage und fingan, am Fenster herunterzusteigen. Da wurde sic vonSchrecken ergriffen und entfloh. Anna de la Nativitcsah den Teufel die ganze Nacht unbeweglich in ihrerZelle, er verfolgte sie auf den Chor und machte ihr dorttausenderlei Spass vor, um sie zu zerstreuen. Furchthatte sie nicht vor ihm, aber als sie der Priorinn dieErscheinung mitgetheilt, so bedrohte sie der Teufel, erwürde sic mit grösserer Gewalt quälen, und wenn sie auchwollte, so könnte sie sich doch nicht mehr von ihm los-reissen. Während der Beichte entfloh er, kam nachheraber wieder und machte sich über das, was geschehen,lusti»-. Wenn man im Chore sang und während derMesse erschien ein garstiges Thier mit offnem Bachen,um sic zu verschlingen. Sie wurde geschlagen; wo sieging und stand, erschienen ihr Gespenster, mitunter auchmenschliche Figuren, die mit schamloser Frechheit nacktvor ihr tanzten. Während der Messe erschien ihr einesTages ein Krucifix, das zu ihr sprach: Meine Tochter,meine Gattinn, meine Geliebte, ich komme, dich aus deinerNoth zu erlösen. Dann löste Christus seine Arme vom Kreuzeund näherte sich ihr, um sie zu umarmen, aber sie zogsich zurück, eingedenk der Lehre, die sie empfangen, aufsolche Erscheinungen Nichts zu geben. Sie erzählte denVorfall wieder der Priorinn, was ihr sehr schwer wurde,denn es kam ihr vor, als ob ihr die Gedanken aus ihremGedächtnisse genommen würden. Am Abend kam dasKrucifix wieder mit schmeichlerischen Worten: „Gieb mirdein Herz, mein liebes Kind” u. s. \y. Sie aber, von