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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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gehalten. Diese aber machten ihm alle Tage so wunder-bare Erzählungen von dem, was sie gesehen, von derMacht der Propheten, von ihren seltsamen Ceremonien,von den offenen Himmeln und Engeln, die man dort zusehen bekäme, dass der gute Mann sich endlich ein-bildete, eben so viel zu sein wie die Propheten, undes eben so wie sie zu machen versuchte. Er sprangin der Nacht jählings von seinem Lager auf, riss densehr schweren Betthimmel ab und warf ihn mehrereSchritte weit von sich, schrie und murmelte in unver-ständlichen Ausdrücken. Seine Kinder gingen, stolzüber diesen Vorfall, von Haus zu Haus, die Nachbarnzusammenrufend: Seht, unser Vater hat den heiligenGeist, er prophezeit. Zuerst liess er sich den heiligenPaul nennen, dann rieb er sich am ganzen Körper undliess darauf in seiner verwirrten Sprache hören, er säheweisse Engel, die durch den Kamin herabstiegen. Ganzallein sang er dann die Weise eines Psalms; die Wortenämlich hatte er nie gelernt und konnte auch wederschreiben noch lesen. Von den Anwesenden mussteein Theil auf die rechte, der andere auf die linke Seitetreten; es schien, als wenn er dieser Anordnung einenbesomlern Sinn unterlege. Er wollte predigen und stam-melte eine halbe Stunde lang, ohne in seiner ganzenRede etwas Anderes vorzubringen, als die Worte:Barmherzigkeit und Busse. Bald sah er Engel, diesich in der Luft herumschlugen, bald Jesus Christus imKamine. Er bewegte sich so heftig, dass ihm der Atliemfehlte und er nicht mehr weiter fort konnte. Und allden tausendfältigen Unsinn staunten die Anwesenden aufihren Kniecn an 1 ).

Fast bei allen Theomanen, die in den Jahren 16791690 Vivarais und Dauphine überschwemmten, fand sichdieselbe Reihe krankhafter Erscheinungen wieder. Esgab im Allgemeinen mehr Propheten, als Prophetinnen;aber auch viele Kinder wurden in die Inspiration des

1) Fläoliier, Lettres clioisies. Tom. 1. p. 39t.