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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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247
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tiefe Lethargie versunken, dass man sie rufen, schütteln,stechen, ja selbst brennen konnte, ohne sie zu erwecken.Oefter sang sie, wie im Schlaf befangen, Psalmen mitklarer und verständlicher Stimme. Ihre Bewegungen wa-ren dabei durchaus nicht krampfhaft. Nach dem Singenrecitirte sjc lange Gebete, Kapitel aus der Bibel, Predig-ten, ohne sich beim Aufwachen nur im mindesten desVergangenen erinnern zu können, ohne ermüdet zu sein,obgleich sie zuweilen wohl fünf Stunden hintereinandefgesprochen hatte So vollständig war freilich die Ana-logie mit dem Somnambulismus in keinem andern Falle,und die Kamisarden selbst wussten den eigentlichen Som-nambulismus sehr wohl von ihren Zufällen zu unterschei-den. Somnambule, sagten sie, sprechen und gestikulirenwie ein Mensch', der sich in einem Traum befindet; dieInspirirtcn werden aber durch eine unsichtbare, unbekannteGewalt getrieben, Dinge zu sagen, die nicht von ihnenstammen; sie behalten das Bewusstsein der Sensationen,die sie gehabt, während der heilige Geist bei ihnen war.

Unter den Katholiken hatte der Zustand der Kalvi-nisten zuerst nur Gespött erregt, aber bald stahl sich dasGift der Theomanie auch in katholische Familien. EinHerr von Mardagon, Besitzer eines grossen Landgutes,Maire von Alais, ein sonst sehr vernünftiger Mann, Va-ter einer allgemein geachteten Familie, unternahm in sei-nem sechzigsten Jahre noch die Aufgabe, eine jungeProphetinn von ihrem Fanatismus zu heilen, die immer ineiner fremden Sprache improvisirtc. Einige Zeit darauffand sich, dass das Mädchen schwangrer geworden war.Mardagon erklärte vor Gericht und vor dem Bischöfe, essei der Wille des Herrn gewesen, dass er diese Prophe-tinn erkannt habe, und das Kind, das sie gebären würde,sei :der wahre Heiland der Welt 1 2 ). Die drei Söhne ei-nes katholischen Pfarrers bei Anduze fingen an zu pro-

1) Jurien, Lcttres Uieolugiqucs p. 65. cf. atteli Klechier Let-tres choisies T. t. p. 399.

2) Vie du inareclial de Villars p. 325.