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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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ganzen Welt zu prostituiren, um den Grad der Unrein-heit und den Schmutz zu zeigen, in den die Kircheversunken; noch Andere wurden wie die Kinder. Somodificirtc sich der allgemeine Wahnsinn hoi längeremBestehen nach dev Individualität und den Verhältnissen.Er hörte nicht plötzlich auf, sondern verlor sich nachund nach, als man das Interesse daran verloren hatteund man ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.

Man darf die Janseuistcn nicht mit den Konvul-sionärs zusammenwerfen ; die gebildeten und vernünftigenJansenisten blieben dem Taumel fremd und suchten ihmauf vielfache Weise, wenn auch in der ersten Zeit ver-geblich, zu steuern.

1732 erschien der Teufelswahu in der Normandie bei Bayeux.Die zehnjährige älteste Tochter eines Herrn von Laupartie zuLandes fing wahrscheinlich unter dem Einflüsse eines fanatischenPriesters, der das Kind sehr strengen Andachlsübuugeu unter-warf, an, Lästerungen gegen Gott, gegen ihre Eltern u. s. w.auszustossen (1724). Weil man den Zustand für Besessenheithielt, schritt mau zu Exorcisiuen, die damals einen günstigenErfolg hatten. Acht Jahre später aber wiederholen sich bei dem-selben Mädchen und ihrer Schwester dieselben Zufälle; auchverfallen sie in Konvulsionen. Die dritte Schwester, ein Dienst-mädchen im Schlosse, die Magd des Pfarrers, zwei Nonnen inLandes, ein Bauermädchen werden angesteckt. Hauptsymptomewaren: der Widerwille und Hass gegen Gott, gegen kirchlicheGebräuche, Anfälle von Wutli heim Anblick der Sakramente,von Starrkrampf, dabei trockuer Hnsten, Herzklopfen, Schmer-zen im Magen, das Gefühl einer Kugel, weiche den Hals ver-stopft (hysterische Symptome), Visionen, die aufhören, sobaldman ihnen die Angen mit einem Tuche verhüllt; auch hellen siewie grosse Hunde, so täuschend ähnlich, dass man es, ohne siezu sehen, kaum unterscheiden kann. Zwei Prälaten, fünf Vi-kare und neun Pfarrer bemühten sich 1733 wechselweise, dieTeufel auszutreiben. Selbst Aerzte: Andry, Winslow, diebeiden Cliomel, erklärten die Erscheinungen für übernatürlichund nicht psychischen Ursprungs: eine Meinung, der sich 1735auch die Sorbonne anschloss. Der Bischof von Bayeux aberhatte schon 1734 den Plärrer von Landes von seinem Amtesuspendirt, ihn in die Abtei von Bclle-Etoiie eingesperrt unddie Besessenen von einander ahsondern lassen. Dank seinerEestigkeit wurde diese Entscheidung trotz der spätem wider-sprechenden Urtheile der Sorbonne nicht widerrufen.

Cf. Le ponr et le eontre de la possession des filles de la pa-roisse des Landes, dioccese de Bayeux. Uu Vol. in &°. DerPfarrer Gabriel Poröe hatte gegen den Herrn von Laupartieund den Pfarrer Heurtin die Wirklichkeit der Besessenheit an-gefochteu.