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haben sollte. Tournefort schreibt darüber: „Alle Men-schen waren wie verkehrt, und die gebildetsten Personenganz ebenso wie die Andern ; die allgemeine Angst warzu einer ebenso gefährlichen Gehirnkrankheit geworden,Wie die Manie oder die Hundswuth. Ganze Familienverliessen ihre Häuser und brachten die Nächte im Freienzu; fast jeder Mensch beklagte sich über einen neuenAngriff des Gespenstes, und beim Eintritt der Nachthörte man ringsum Seufzen und Wehklagen. Die Em-pfindsamsten zogen sich ganz aufs Land zurück” *).Der sclieussliche Anblick der in Fäulniss übergehendenLeichname musste das Grauen des Volkes noch vermehren.
Dass auch in unserer Zeit ähnliche Symptome nochVorkommen können, dafür spricht folgender Fall: EineIrre, die den Tag über ganz gesund war, hatte im erstenSchlafe jedesmal die Empfindung, als ob ein nacktesGespenst sich über sie legte und aus ihrer Brust gierigdas Blut aussaugte. Aengstlich fuhr sie auf und suchtesich des Schlafes zu erwehren. Zuweilen kam es ihrvor, als ob das Gespenst um das Bett herumstrich; sieversuchte, es dann in die Flucht zu schlagen, blies,schlug und schüttelte tüchtig mit ihren Bettvorhängen.
Man unterschied damals aktive und passive Vam-pirs. Es findet sich diese Unterscheidung noch in demnosologischen Systeme des Michael von Valenz iaus dem Jahre 1796: „Vampiri sunt activi et passivi',primi sunt praestigiatores, qui ex fine sibi cognito,caduvera recens sepultorum de nocte clam exhumant,vulnerant, ac eorum cruorem, tertio ut plurimum dieputrefacium, adeoque fluidissimum, effluere sinunt etvulgo suxisse dicuntur- passivi sunt illi, vel vivi velmortui, in quibus talis scena luditur 1 2 ).
1) Tournefort, Vovaae au Levant. Tom. 1. p. 52.
2) Completuui et methodo botanica propositmn systema morborum,seoiindiim nosologiain sumnii pathologi Sauvages a MichaeliNobili de Valenzi. tlruu 1796 bei Kriedreich. Versuch einerlöterärgeschichte S. 236.
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