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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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Man kann dieselbe Bemerkung bei öffentlichen Schau-spielen machen; eine grosse Zuschauermengc, besondersBeifallsbezeugungen, machen die Theilnahme und die Er-regung eines Einzelnen zu einer allgemeinen, die aufjeden Einzelnen wieder zurückwirken muss. In derSchlacht verbreitet sich die Begeisterung des Muthesebenso wie die Furcht und der Schrecken mit der Schnel-ligkeit des Blitzes; das Gewirbel der Trommeln, derDonner des Geschützes versetzt alle Gemüthcr in die-selbe Bewegung. Dieselbe Ursache errzeugt Revolten,nur die Einbildung beherrscht hier die Menge. In zahl-reichen Versammlungen gehorchen die Menschen mehrden augenblicklichen Sinneseindrücken, als den Beschlüssenihres Verstandes. Es ist deshalb ein richtiges Mittel,dass man in aufrührerischen Städten öffentliche Ver-sammlungen verbietet. Wenn man die Individuen isolirt,so beruhigt man die Gemiither. Wir linden also imMagnetismus bekannte Erscheinungen. Die sensibelnNaturen unterliegen dem Einflüsse zuerst. Die öfterwiederholten Eindrücke werden zur Gewohnheit; es sindspäter nicht mehr so starke Eindrücke notlnvendig, alsdas erste Mal; man darf nur durch dieselben gegebenenUmstände die Erinnerung wieder erwecken; man bedarfnicht mehr der ganzen Procedur; die Berührung der Hy-pochondrien , das Ueb«erstreichcn mit dem Finger odermit dem magnetischen Stabe über das Gesicht genügt;man darf endlich den Kranken mit verbundenen Augennur sagen, dass man sie magnetisiren wolle, um diefrüheren Empfindungen wieder entstehen zu lassen.

Die Gewohnheit verändert allmählich die Natur desMenschen; so kann der zuerst willkührlich erzeugte Zu-stand der Krise habituell werden. Dann aber ist er zurKrankheit geworden, und die Medicin begeht ein Un-recht, wenn sie selbst zur Erzeugung solcher Zufällebeiträgt: ein um so grösseres Unrecht, weil das Uebelsich über ganze Städte verbreiten kann und die nach-folgenden Geschlechter vergiftet, da die Krankheiten derEltern auf die Kinder übergehen.