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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Jakob Bodmer.

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närrisch stellen: und kan doch weder Weise nochGebehrden, er ist ein Narre, und nichts werth.Es ist ein seltzsames Ding auf Erden, daß man-cher ein witziger Mann seyn will, der sich derThorheit annimmt, und daß crs vor einenRuhm hält, wenn man spricht: Der kannNarrheit wohl.«

Er hak der Deutschen nicht vergessen; undwir erkennen die Deutschen seines Weltaltersnoch in ihren Jtztlebenden Nachkindern. „Man-cher Narr hält sich vor hoch, daß er aus wel-schen Landen gekommen ist, als ob nicht auchin deutscher Art Vernunft, und zarte Häupterwären, welche Weisheit und Kunst lehren mög-ten, daß nicht noth wäre, so fern zu Schulenzu kehren. — — Man meinte ehedem es wärekeine Lehre, als zu Athen über Meer. Her-nach fand man sie be» den Welschen, ietzo siehtman sie auch in Deutschland. Und gebrächeuns nichts, wäre der Wein nicht, und daß wirDeutschen voll seyn wollen; und keine rechteArbeit thun mögen.«

Unter den allegorisch-moralischen Bildern,an welchen man um die Zeiten der Glaubens-Reformation viel Geschmackes gefunden, dünkenmich folgende sehr natürlich: Wenn er z. Er.von dem gedrückten Narren sagt, daß ihm der„Esel auf dem Rücken sitze." Er führt densel-ben ein, wie er sich selbst dergestalt schildert:„Ich bin der, den alle Dinge drücken, ich willmich in einen Winkel schmiegen, ob der Eselmich verlassen, und nicht stets „„auf meinemRücken stehen«" wollte.« Ferner, wenn ereinen, der ein altes Weib zur Ehe nimmt,„um das Schmer in den Esel kriechen« läßt;wenn er die, welche sich muthwilliger Weiseins Unglück stürtzen, „in einen Brunnen sprin-gen" läßt; wenn er den Frauenhüter „derHeuschrecken an der Sonne hüten" läßt; wenner die Venus „Affen, Esel, und Gäuche aneinem Seile nach sich ziehen" läßt; wenn derBibliotaphos „die Fliegen mit einem Wedelvon den Büchern jagt;" wenn er einem Alten,der seine Starrheiten nickt lassen kan, „dasSchindmesser in den Hintern setzt, alldieweil erauf der Grube geht." Das gantze Merck istvoll solcher kleinen Allegorien, welche ausSprüchwörtern von gantz gemeinen Handlun-gen formiert, und geschickt appliciert sind. Esist verwundersam, was er vor eine Mannigfal-tigkeit an Vorstellungen und Ausdrücken hat,eine jede Art der Thorheit unter einem eigenensinnlichen Bilde des alltäglichen Lebens sichtbarzu machen. Man wird in dem Buche wol100 verschiedene Ausdrücke zehlen, die so vielsagen, als ein Narr seyn.

Dieses kömmt nun in einem Wercke poetischgenug, heraus, wo ein satyrischer Scribent sichvon der Prosa nicht weit entfernen darf. Dochfehlt es ihm auch nicht an Kunstmitkeln derPoesie, die niedrige Redensart am rechten Ortezu erhöhen. Z. Ex. in diesen Zeilen: „WenCupido trist, den entzündt Amor sein Bruder,daß er brennt, und die Flamme nicht wohllöschen mag, die der Dido ihr Leben nahm:Tcrcus wäre kein Wiedehopf, Pasiphae vermiede

den Stier, „„Phädra führe nicht dem Theseusnach,"" und suchte nicht an ihrem SticssohneSchande; Scylla liesse dem Vater sein Haar,Hyacynth wäre kein Rittersporn, Leander5 schwömme nicht, Sappho siele nicht vom Berg,Cyclops und Pan psiiffen nicht so traurig,„Leucothoe gebühre nicht Wyhrauch," Myrhawäre nicht Adons Scheer, „Danae empfingenicht durch das Gold, Nucrimene flöge nichtIN des Nachts" aus, Echo wäre nicht zu einerStimme gemacht, Thisbe färbte nicht die weis-sen Haare, Atallante wäre keine Löwin, rc.wenn es die Liebe nicht gethan hätte." Nachdieser Art hat Hr. Hagedorn gesagt:

15 „Wer führt den Orpheus in die Hölle?«Hsratzens palliüa mors eogno pnisut pellepnuponiin liikermis, regnn«,»e turres, >) istrecht gut gegeben: „Der Tod erschüttert mitgleichem Fusse die Königssäle und die Hirten-20 Hütten « Und in demselben Capitel von denen,welche den Tod nicht vorher sehen, sind etlichemalerisch ausgebildete Gcdanckcn: „Die Narrheitfärbet uns,' daß wir nicht daran gedencken,daß der Tod uns nicht hier lassen, und unsers25 schönen Haares, noch unsrer grünen Kräntzeund Kronen nicht schonen wird. Er heißtwahrlich Hans acht sein nicht, denn welchener ergreift und erschüttert, wie starck, schönoder jung der sey, den lehret er einen gar30 seltzamen Sprung ic. - Darum ist ein Thor,wer den, dem er nicht entrinnen mag, alleTage flieht, und meint, wann er seine Schellenschüttere, daß ihn der Tod nicht sehen möge.Es ist kaum um einen Rock zu thun, daß der35 Sohn nach dem Vater lebe. Zuweilen stirbter vor dem Vater, und man findet auch vielKälberhäute.«

Es ist eine Scharfsinnigkcit, die aus derSache selber entspringet, wenn er von dem40 König Midas sagt, er habe recht gehabt, daßer seinen Kopf gedeckt habe, damit man ihmseine Eselsohren nicht sähe; wiewohl „diesehernach in den Rohren gewachsen wären."

Und was vor Worte könnten erhabener für45 folgende hohe Gedancken seyn, als diese, welcheer der Weisheit in den Mund giebt: „Durchmich, sagt sie, haben die Könige ihre Kronen,durch mich entstehen alle rechtmässige Gesetze,durch mich haben die Fürsten ihr Land, durch50 mich hat jede Obrigkeit ihre Rechtssprüche.Wer mich lieb hat, den liebe ich auch; wermich frühe sucht, der findet mich. Bey mir istReichthum, Gut, und Ehre. Mich hat Gottder Herr von Anbeginn in der Ewigkeit bc-55 festen, Er hat alle Dinge durch mich zubereitA -nichts ist ohne mich gemachek.«

. vor starcken Zügen hat er den

weisen Menschen nach der Vorbildung Virgilsgeschildert: „Der Weise ist sein eigener Richter,60 so oft er Abgang an Weisheit leidet; er ver-sucht sich auf ein Nägelgcn, er achtet nicht,was der Adel spricht, noch das Geschrey desgemeinen Volckes, er ist rund, gantz, wie einEy, damit kein fremder Mackcl auf ihm bleibe,65 und sich auf glattem Wege anreibe. Wie langeder'Tag sich im Krebs strecket, wie lange die

1> Horaz, Buch I. Ode t Per« IN — Schäkerbütten und Köuigtschlösscr betritt mit gleichem Kusse der blaffeTod. (Preis.)

Kurz. prell. 3