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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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35-36
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Johann Jakob Breitingcr.

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Nacht den Steinbock bedecket, so gedencket er, seines Hauses etwas treibe, oder ei» Wort

und wiegt eben aus, daß er in keinem Winkel rede, das nicht auf allen Seiten gleich wiege, rc."

Johann Jakob Breitinger

von -er Nachahmung -er Natur.

Die beyden Künste, des Mahlers und desPoeten, bestehen angeregter Massen in einergeschickten Nachahmung der Natur. Die Naturist die weise Lehrmeisierin, bey welcher dieseKünstler in die Schule gehen; sie leget ihneneine unzählbare Menge der vortrefflichsten Ur-bilder zur Bewunderung und Nachahmung vor,woran sie das Vermögen ihrer Kunst versuchen,und aus die Probe setzen können. Wie nunder Mahler zur Materie der Nachahmung allesdasjenige nehme» kan, was dem sinnlichenWerckzeuge des Gesichtes durch Licht und Far-ben kan begrifflich und vorstellig gemachrkwerden; also stehet es in dem Vermögen derpoetischen Mahler-Kunst, alles, was mir Wor-ten und Figuren der Rede auf eine sinnliche,fühlbare und nachdrückliche Weise kan nachge-ahmet und der Phantasie, als dem Auge derSeele, eingepräget werden, nach dem Leben undder Natur abzuschildern. Hierin übertrifft diePoesie alle anderen Künste, da ihr die gantzeNatur in ihrem weiten Umkreise zum Musterder Nachahmung dien-n muß. Alles was dermenschliche Verstand von den Würckungen undKräften der Natur in seinen Registern aufge-zeichnet hat, kan der Poet durch sinnliche Bil-der auszicren, und der Phantasie, als in einemsichtbaren Gemählde, vorlegen; so daß sich dasGebiethe der Poesie fast eben so weit erstrecket,als die menschliche Erkenntniß, welche unterdem Nahmen der Wellwcißheit alles begreifst,was durch menschlichen Fleiß und Nachforschenvon möglichen und würcklichen Dingen kan er-kennet werden. Nur müssen wir einige allge-meine und abgezogene Wahrheiten und Begriffe,die alleine dem reinen und von den Sinnengantz abgekehrten Verstand vernehmlich sind,von der Nachahmung der Poesie ausschlicffen;von welcher Art in der Vernunft-Lehre, in derMeß-Kunst, in der Lehre von dem Wesen derDinge, in der Rechen-Kunst, sehr viele enthal-ten sind, die man wohl durch Worte, Zahlenund Linien dem Verstände zu begreiffen geben,aber darum nicht abschildern, oder in Farbenund Bildern einkleiden, und für die Phantasiesichtbar machen kan.

Die Natur, oder vielmehr der Schöpfer,der in derselben und durch dieselbe würcket,hat unter allen möglichen Welt-Gebäuden dasgegenwärtige erwehlet, daß er es in den Standder Würcktichkeit überbrächte; weil er es nachseiner unberrüglichen Einsicht vor das beste un-

ter allen, und vor dasjenige befand, das vorseine Absichten am bequemsten war. Dasselbe20 kan nun füglich in die sichtbare und die un-sichtbare Welt unterschieden werden. Jene,die sichtbare und materialische Welt, begreifferin sich alle Cörper, die Elemente, die Sternen,den Menschen'in Ansehung seiner äusserlichen25 Würckungen, die Thiere,'» die Pflanzen, dieEdelsteine, und so fort, ferner alles, was dieKunst auf so verschiedene Weise nachahmet, undzum Schutz, zur Zierde und Bequemlichkeit desmenschlichen Lebens erfindet; mit einem Worte30 alles, was der Prüffung der Sinnen unter-worffen ist. Diese, die unsichtbare Welt, fassetin ihrem Inbegriffe Gott, die Engel, die See-len der Menschen; ihre Gedanck-n, Meinungen,Zuneigungen, Handlungen, Tugenden, Kräfte.35 Alle diese Sachen haben, weil sie würcklich sind,eine eigentliche und festgesetzte Wahrheit, die indem Zeugniß der Sinnen, das damit überein-stimmet, dem Zeugniß des Gewissens, und dergöttlichen Offenbarung gegründet ist. Wenn40 nun der Poet die Originale, welche ihm diegrosse Künstlerin, die Natur, auf dem unend-lich geraume» Schauplatz dieser würcklichenWelt darstellet, entweder absonderlich oder inihrem natürlichen Zusammenhang nachschildert,45 so handelt er bloß als ein guter Abdrücker,und unterscheidet sich von dein Historico alleinedurch den Zweck und die Kunst seiner Gemählde.Was insbesondere die unsichtbare Welt der Geister^nsiehet, so hat dieselbe zwar eben so viel Wahr-50 heil und Würcklichkeit als die sichtbare, zumahlda sie den Grund und die Quelle aller Würck-lichkeit in sich hat; alleine weil sie vor dengroben Sinnen gantz verschlossen ist, so hol sievor die Einbildung nicht mehrere Wahrheit als55 die möglichen Dinge, und der Poet muß dieseunsichtbaren Wesen in sichtbare Cörper, hiemitin eine ganz fremde Natur einkleiden, woferneer sie der Phantasie vernehmlich und fühlbarvorstellen will, in welchem Stücke seine Kunst60 sich ungcmein geschickter und verwundersamererweiset, als in der Nachahmung der sichtbarenWercke.

Alleine da dieser Zusammenhang der würck-lichen Dinge, den wir die gegenwärtige Welt65 nennen, nicht lediglich nothwendig ist, und un-endlich vielmahl könnte verändert werden, somüssen ausser derselben noch unzehlbar vieleWeiten möglich seyn, in welchen ein andererZusammenhang und Verknüpfung der Dinge,