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Johann Jakob Breitinger.
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andere Gesetze der Natur und Bewegung, mehroder weniger Vollkommenheit in absonderlichenStücken, ja gar Geschöpfe und Wesen von einergantz neuen und besondern Art Platz haben.Alle diese mögliche Welten, ob sie gleich nichtwürcklich und nicht sichtbar sind, haben dennocheine eigentliche Wahrheit, die in ihrer Möglich-keit, so von allem Widerspruch frey ist, und inder allesbermögenden Kraft des Schöpfers derNatur gegründet ist. Nun stehen auch dieselbendem poetischen Mahler zum Gebrauche bereitund offen, und leihen ihm die Muster und dieMaterie zu seiner Nachahmung; und da erdie Natur nicht alleine in dem Würcklichen,sondern auch in dem Möglichen nachzuahmenfähig ist, so erstrecket sich das Vermögen feinerKunst eben so weit, als die Kräfte der Naturselbst; folglich muß der Poet sich nicht alleinedie Wercke der Natur, die durch die Kraft derSchöpfung ihre Würcklichkcit erlanget haben,bekannt machen, sondern auch, was in ihrenKräften annoch verborgen lieget, fleissig studie-ren, um so viel mehr, da dieses leztere, nemlichdie Nachahmung der Natur in dem Möglichen,das eigene und Haupt-Merck der Poesie ist.Denn ich darf vor gewiß setzen, daß die Dichl-Kunst, insofern sie von der Historie unterschie-den ist, ihre Originale und die Materie ihrerNachahmung nicht so fast aus der gegenwärti-gen, als vielmehr aus der Welt der möglichenDinge entlehnen müsse. Es ist das Amt dernatürlichen, politischen, und moralischen Histo-rie, die sichtbaren Gegenstände und Phänomen«,den Laufs der Begebenheiten, und die Sittenund Handlungen der Menschen, wie sie würck-lich sind, nach ihrer Natur und Wahrheit zuerzehlen und zu beschreiben. Ihre Absicht istdemnach diejenige Wahrheit, die in der Würck-lichkeit der Dinge, und dem Zeugnisse der Sin-nen gegründet ist; darum ist auch ihre gantzeBemühung in den Kreiß der gegenwärtigenWelt der würcklichen Dinge eingeschlossen. Da-gegen hat der Poet zur Absicht, durch wohl-erfundene und lehrreiche Schilderepcn die Phan-tasie des Lesers angenehm einzunehmen, undsich seines Gemüthes zu bemächtigen; DieseAbsicht zu erreichen wird eben nicht erfordertdaß seine poetischen Erzehlungen würckliche undhistorische Wahrheiten seyen; sondern es istschon genug, wenn sie nur nicht unmöglich undunwahrscheinlich sind.- Der Poet sucht nichtden Glauben eines Zeugen zu erhalten, aber ervermeidet den Vorwurff eines Lügners; wenner daher auch solche Personen in seinen Ge-dichten aufführet, die nach dem Zeugniß derHistorie würcklich vorhanden gewesen sind, ver-setzet er dieselben in gantz neue Umstände, und läßtsie dann reden, thun und handeln, wie sie nachihrer Natur und Beschaffenheit wahrscheinlicherWeise reden und handeln könnten und würden;
„Täuscht mit Lug so, mischt so Wahrheitunter die Dichtung,
Daß Anfang sich der Milt' und der Mitt'anschliesse das Ende."^>Da bekümmert er sich nicht um die histo-rische Wahrheit seiner Vorstellungen, weil er
ohne dieselbe, bloß durch die Wahrscheinlichkeitseinen Zweck und Absicht erreichen kan. DieTragödien von Cid, Cinna, Polieuctes thatenauf viele tausend Zuseher in dem untern Bo-den des Schauspiel-Hauses, welche von diesenPersonen niemahls zuvor reden gehöret hatten,eine eben so starcke Würckung, als auf diejeni-gen Gelehrten, die ihre gantze Historie innenhatten. Das Wahrscheinliche, welches sich inden würcklich eingeführten Gesetzen und demgegenwärtigen Lause der Natur gründet, istfür den größten Theil der Menschen eben sowahr, als das so würcklich geschehen ist, weilihm nichts mangelt, als die Treu und Auf-richtigkeit dessen, der es erzehlet und bezeuget:und das, so würcklich geschehen ist, kömmtihm bloß als wahrscheinlich vor, weil ihm dieZeugnisse, worauf dessen Wahrheit beruhet,nicht bekannt sind. Daher hat auch Aristotelesgesagt: „Das Mögliche ist glaubwürdig, aber„ das würcklich geschehene ist bekannt und offen-bar, Massen es nicht geschehen wäre, wenn„es unmöglich gewesen wäre./' Nun istdie Poesie Volkskunst, die das Ergetzen unddie Verbesserung des grösser» Haufens derMenschen suchet. Zudem wird diese poetischeMahler-Kunst in Ansehung ihrer Materie undErfindung eben darum die Dicht-Kunst genen-net, weil sie sich auf das Wahrscheinliche grün-det; denn was ist Dichten anders, als sich inder Phantasie neue Begriffe und Vorstellungenformieren, deren Originale nicht in der gegen-wärtigen Welt der würcklichen Dinge, sondernin irgend einem andern möglichen Welt-Ge-bäude zu suchen sind. Ein jedes, wohlerfunde-nes Gedicht ist darum nicht änderst anzusehen,als eine Historie aus einer andern möglichenWelt: Und in dieser Absicht kömmt auch demDichter alleine der Rahme eines Poeten, einesSchöpfers, zu, weil er nicht alleine durchseine Kunst unsichtbaren Dingen sichtbare Lei-ber mittheilet, sondern auch die Dinge, dienicht für die Sinnen sind, gleichsam erschaffet,das ist, aus dem Stande der Möglichkeit inden Stand der Würcklichkcit hinübcrbringet,und ihnen also den Schein und den Rahmendes Würcklichen mittheilet.
' Da nun alle Dinge, welche die Natur demMahler und Poeten zur Nachahmung vorleget,entweder in das Reich der möglichen oder indas Reich der würcklichen Dinge gehören, so isthieraus offenbar, daß die Vorstellungen dieserbeyden Künste in Ansehung der Materien sichauf das würckliche oder mögliche Wahregründen müssen, wann sie uns gefallen sollen.Denn es giebt zwo Gattungen des Wahren inder Natur: eines hat alleine in der gegenwär-tigen Welt Plaz, das andere aber findet sichnur in der Welt der möglichen Dinge; jeneskönnen wir das historische, und dieses daspoetische Wahre nennen: Beyde dienenzwar zu unterrichten, aber das leztere hat nochden besondern Vortheil, daß es uns zugleichdurch das Verwundersame einnimmt und be-lustigt, da es Dinge, die nicht würcklich sind,in unsere Gegenwart bringet; und eben hier-
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N Horaz, Dichtkunst, P 15 , f. nach Falbe.