Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
39-40
JPEG-Download
 

39

Johann Jakob Brcttingcr.

40

innen lieget der Grund des Ergehens, das vonder Materie der poetische» Schildcreven her-rühret ; wie Aristoteles ini zweyten Cap. desersten B. von der Rherorick mit diesen wenigenWorten zu verstehe» giebt: „ Sowohl das Ler-nen als das Bewundern ist angenehm."

Der Mensch hat von Natur eine ange-bohrne unersättliche Wissens - Begierde, dieseerstrecket sich so wohl auf das Mögliche alsauf das Würckliche, ja die Erfahrung lehret,daß der Mensch noch viel begieriger ist, dasMögliche und Zukünftige zu erforschen, als sichdas Würckliche und Gegenwärtige bekannt zumachen. Die Erweiterung unserer Erkenntnißgeschieht darum niemahls ohne Ergehen, unddieses Ergehen ist um so viel grösser, je grös-ser die Begierde gewesen, von einer Sache un-terrichtet zu werden, und je seltzamer und wun-derbarer die Sache ist, von welcher wir unter-richtet werden. Cicero hat im ersten B. vonden Pflichten des Menschen angemcrcket, daßdie Erkenntniß des Wahren nothwendig Lustgebühren müsse, eben wie hingegen die Erkennt-niß des Falschen natürlicher Weise Unlust undEckel bringet. „Diejenige Klasse, sagt er, diedie Erkenntniß der Wahrheit unter sich begreift,ist der menschlichen Natur am meisten eigen-thümlich; denn alle Menschen empfinden einenTrieb in sich, unbekannte Dinge zu erfahren,oder dunkle einzusehen; alle setzen einen Vorzugdarein, Kenntnisse zu besitzen, und betrachtenDummheit, Unwissenheit und Irrthum alsUebel, die den Menschen unglücklich, und alsMangel, die ihn verächtlich machen. ">> Daspoetische Schöne muß hiermit natürlich undauf die Wahrheit gegründet seyn; hingegenkan das unnatürliche, welches immer falsch undunmöglich ist, niemahls gefallen. Der Grundund Boden des Schönen oder des Ergehens inder Mahler-Kunst ist kein anderer als dieWahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Ein Mahler-macht sich lächerlich, wenn er, wie Horatiussagt,

„Malt Delphin' auf Bäum' und Fluthumtreibet die Eber",2)

oder eine Schiffs-Flotte auf einem Thurme anAncker leget, oder ein schönes Frauenzimmeraus einem Blumen-Topfe hervor schwimmenläßt ; das Falsche, Unwahrscheinliche oder ingewisser Absicht Unmögliche muß dem mensch-lichen Verstand, so bald es wahrgenommenwird, natürlicher Weise Widerwillen und Eckelverursachen, weil es die angebohrne Wissens-Beglerde des Menschen in ihrem Verlangenaufziehet, und den Fortgang in der Erkennt-niß unterbricht. Der Verstand läßt sich ebenso ungern mit einem äffenden Blendwerck zu-frieden stellen , atz ei,, Hungeriger mit gemah-leten Speisen gesättigt wird. Zudem ist dasFalsche , und in gewissen Absichten Unmögliche,keiner Nachahmung fähig, xz ist ein Zero, einNichts, wovon der Verstand nichts begreiffenka»; und die Natur kan nichts widersprechen-des hervorbringen; folglich iM auch das un-natürliche weder in der würcklichen noch in dermöglichen Welt einiges Original, sondern es

i

ist eine blosse Würckung des blinden und un-verständigen Zufalles. Diesem gemäß ist diesesdie erste und die Grund - Regel, nach welchersich alle Künste, hiermit auch die Künste des5 Mahlers und des Poeten achten und richtensollen, daß sie in ihrer Nachahmung alleine aufdie Kräfte der Natur sehen, ihre Materie,Muster, und Urbilder von derselben entlehnen,und hiermit ihre Arbeit aus das Wahre oder10 Wahrscheinliche gründen.

Die Künste dieser Schüler der Natur be-stehen in einer geschickten Nachahmung: Wienun alle Nachahmung ein gewisses Urbild undMuster voraussetzet, welches die Kunst nach15 der Natur auszudrücken und vorzustellen be-flissen ist, also schliesset der Begriff von derNachahmung auch eine Aehnlichkeit und Ueber-einstimmung mit dem Urbild in sich ein; jevollkommener diese Aehälichkeic ist, desto glück-20 licher ist auch die Nachahmung gerathen. Folg-lich bestehet die größte Vollkommenheit dieserbeyden Künste in der vollkommenen Ueberein-stimmung zwischen dem Urbild in der Naturund der durch die Kunst verfertigten Schil-25 derey. Diese Uebereinstimmung aber wird ausder Gleichheit der Würckung unfehlbar erken-net, wenn beyde, das Original und die Copieauf ein gleiches Gemüthe eine gleiche Würckunghaben, und einen gleichen Eindruck machen-30 Ich weiß zwar wohl, daß sich zwischen demEindruck, welchen die Natur durch die Gegen-wart ihrer Urbilder aus das Gemüthe würcket,und demjenigen Eindruck, welchen auch diegeschickteste Nachahmunng der Kunst verur-35 fachet, allezeit welcher Unterschied befindet, aberdieses nicht in Ansehung der Art'des Ein-druckes, sondern in Ansehung seiner Kraft;denn da die Gegenstände der Natur eine wahreWürcklichkeit haben, so muß ihre Würckung40 auch strenger, ernsthafter, und dauerhafter seyn,als die Würckung des nachgeahmten Bildes,welches nur den Schein der Wahrheit undWürcklichkeit annimmt; in welchem AbsehenQuinkilianus im zweyten Cap. des zehnte» B.45 gesagt hat: „In Allem, was wir zum Musternehmen, liegt Natur und wahre Kraft; jedeNachahmung hingegen ist ersonnen;" und:„Was einem andern Dinge ähnlich ist, mußnothwendig geringer seyn, als das, was es50 nachahmt." Die Kunst suchet ihren Ruhmnicht darinnen, daß sie mit der Natur um denBorzug eifere, sondern ihr Ruhm-Eifer bestre-bet sich allein durch die Nachahmung und denangenommenen Schein des Wahren die Natur55 in der Art und Gleichheit ihrer Würckungenzu erreichen; und da ihre Absicht ist, durchdiese nachgeahmten Rührungen zu belustigen,so ist nothwendig, daß ihre Eindrücke in einemgeringern Grade streng und dauerhaft seyn,60 als diejenigen sind, die von der Kraft desWahren herrühren; indem alles Widrige undUnangenehme in den Gemüthes - Bewegungenvon der Heftigkeit und Dauer derselben ent-stehet. Unter den Mahlern ist denn derjenige65 der geschickteste Meister, der so lebhafte undentzückende Schildcreyen verfertigt, daß die

I> ckiccro, von den Pflichten, Buch l. .flap. 6, überseht «. Murre. - 2 > Horaz, Dichtkunst, P. Nil tünch Falbel.