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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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41-42
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Johann Jakob Breitinger.

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Zuseher sich eine Weile bereden, sie sehen dasUrbild 'selbst gegenwärtig vor Augen. DasGemählde des Zeuxis war ein vortrefflichesMeisterstücke, da er etliche Trauben so natür-lich gemahlet, daß die Böget selbst dadurch ver-führet und betrogen worden: Und unter denpoetischen Mahlern verdienet ebenfalls derjenigeden ersten Platz, der uns durch seine lebhaftennnd sinnlichen Borstellungen so angenehm ein-nehmen und berücken kan, daß wir eine Zeit-lang vergessen, wo wir sind, und ihm mir un-serer Einbildungs - Kraft willig an den Ortfolgen, wohin er uns durch die Kraft seinerVorstellungen versetzen will, daß wir auch dessüssen Irrthums nicht eher gewahr werden, biswir von dieser Zerstreuung und Entzückungerledigt und unsrem eigenen Nachdrucken wie-der überlassen werden. Horatz setzet eben hier-inn das größte Lob und die gröste Kraft derDicht-Kunst, in seinem poetischen Sendschreibenan Augustus, im zweyten B.

„ Jener ja scheint mir als Dichter auf straffemSeile zu wandeln,

Welcher die Brust mir beengt durch täuschendeQualen, dir grundlos,

Jetzo sie reizt, sie besänftigt, mit leerem Schreckensie peinigt,

Gleich wie ein Magier mich nach Athenä ver-setzt und nach Thebä. ')"Wo er durch das „täuschende Qualen"und mit „leerem Schrecken sie peinigt" ebenzu verstehen gibt, daß der Poet uns nur durchden Schein der Wahrheit zu bewegen, und dieNatur alleine in der Achnlichkeit ihrer Würk-kungen, nicht aber in der wahren Kraft der-selben nachzuahmen suche.

Auf dieser Ähnlichkeit und Uebereinstim-mung der Nachahmung der Natur beruhet nuneinestheils die lebhafte Deutlichkeit der Schil-dereyen, von welcher die wunderbare Kraft diePhantasie zu rühren entstehet, die uns nöthigt,bey Anschauung einer Schilderey bey uns selbstzu sagen: In Wahrheit es ist eben das, wasich gesehen, was ich gehöret habe; oder wasich mit meinen Augen sehen, mit meinen Ohrenhören würde, wenn mir das Original von die-ser Sache vor Augen oder zu Ohren käme.Die alten Kunst-Lehrer haben diese lebhafteDeutlichkeit eben darum Energie und Evi-denz genennet, und Quintilianus hat im drit-ten Cap. des achten B. davon gesagt: „Wirwerden aber zur Deutlichkeit gelangen, wennes nur ähnlich ist: und der Weg zu dieserhöchsten Schönheit ist sehr leicht, wir müssennur die Natur vor Augen haben.Anderntheils beruhet auf dieser Achnlichkeit derCopie mit dem Original die Wahrheit derSchilderevcn und mahlerischen Vorstellungen,insofern dieselbe in der Kunst der NachahmungPlatz hat. Je grösser und offenbarer die Aehn-lichkeit mit dem Urbild ist, desto mehr Lichtund Wahrheit hat das Gemählde- Im Gegen-theil wenn keine Achnlichkeit in denen aus-nehmenden Merckmahlen, dadurch eine Sachevon andern ihres gleichen unterschieden ist, an-getroffen wird, so ist die Schilderet, falsch und

lügenhaft, weil sie uns etwas gantz anderesvorstellet, als was sie uns hat vorstellen sollenoder vorgehabt hatte. Diesemnach kan daspoetische Wahre, welches der Grundstein alles5 Ergehens ist, dergestalt beschrieben werden: essey eine deutliche Uebereinstimmung des ähnli-chen Gemähldes mit solchen Urbildern, die indem Reiche der Natur anzutreffen, und alsomöglich sind.

1» Wenn nun besagter Massen die Kunst desMahlers und des Poeten in der Nachahmungbestehet, so lieget darin« ein neuer Grund desErgehens, so diese Künste mit sich bringen, undwelches auch unmittelbar von der Kunst der15 Nachahmung entstehet. Die Nachahmung istdem Menschen etwas natürliches, sie ist ihmgleichsam angebohren, wie Aristoteles im viertenCap. von der poetischen Kunst anmercket; alleseine Handlungen sind nichts anders, als eine2l) blosse Nachahmung, daher kömmt es auch, daßdie Exempel eine so grosse Kraft auf das mensch-liche Gemüthe haben; und darum muß auchalle Nachahmung ein besonderes Ergehen brin-gen, welches um so viel mehr anwächßt, als25 glücklicher die Nachahmung gerathen ist. Daßdie blosse Kunst der Nachahmung ohne Absichtauf die Materie eine solche Kraft zu ergehenhabe, zeiget sich unstreitig daraus, weil diekünstliche 'Vorstellung einer Sache, die vor sich30 gantz unangenehme und widrige Eindrücke ver-ursachen würde, in der Nachahmung belustigt.Lhersires konnte in seiner häßlichen Ungestaltdurch die würckliche Betrachtung derselben kei-nen angenehmen Eindruck machen, Homcrus35 giebt das zu verstehen, wenn er ihn den häß-lichsten Mann heisset; aber wer kan dasGemählde desselben in folgenden Versen ohneBelustigung lesen: „Er schielcte, er hunk an„einem Fuß, die krummen Schultern warffen4» „sich Vorwerks auf die Brust. Der Kopf war„oben zugespizt, und darauf stuhnd ein Krantz„von etlichen wenigen Haaren." Und wemgefällt nicht folgendes Gemählde von einemalten Weibe, in dem Neujahrs - Gedichte von45 1722. in Brockes Jrd. Vrgn.

- „Wie häßlich ist doch ein ver-jährter Leib!

Beschau nur einst mit Ernst - - — —

Die grindig-gelbe Haut voll runzelichtcr Liesen,5» Der schielen Äugen Rot, die unaufhörlich triefen,Ihr kal und zitternd Haupt, den Zähne-lecrenMund,

Voll zähen Rotz und Schleim, die blau-ge-^ ^ ^ schwollnen Lippen,

55 Die schlaffe platte Brust, dje magern dürrenRippen,

Den zitternd krumme» Hals, des Rückenshöckricht Rund,

Des Kinns entfleischte Höh', die Holen welker00 Wangen."

Aristoteles hat eben dieses im vierten Cap. vonder poetischen Kunst, als einen Bcwciß-Grundangeführet: „Etliche Urbilder, sagt er, als„abscheuliche Thiere, Todte, oder Sterbende,65 „die wir in der Natur nicht anschauen dörfte»,,, oder die wir nicht ohne Widerwillen oder mir

l> Soraz Episteln, ll. Buch I, Epistel, v, 212 ff.. iwersem v, Th. Mcrzdvrf.