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Johann Jakob Brcitingcr.
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„Schrecken anschauen würden, sehen wir mit„Ergehen im Gemählde, und je geschickter sie„nachgeahmt sind, je mit gröfferm Ergehen„betrachten wir sie." Also werden uns diestrengen Leidenschaften des Schreckens und desMitleidens erträglich, ja angenehm, wenn siedurch eine geschickte Nachahmung in unsrerBrust hervorgebracht werden. Eine Art Todes,wie der Phedra war; eine junge Princeffin,die in scheußlichen Gichtern den Athem aus-hläßt, und sich selbst in ihren lezten Reden einerschwartzen Lasterthat anklaget, welches sie ansich selbst mit eingenommenem Gift gcstraffethat, wäre ein Begegniß, das jedermann fliehenwürde. Etliche Tage würden erfordert, eh wirdie leidigen Gedanckcn aus dem Sinne schlagenkönnten, welche ein solcher Anblick uns unfehl-bar in die Phantasie tief einprägen würde-Aber Racinens Tragödie von Phedra, die unseine Nachahmung von diesem Begegniß vor-stellet, beweget und rühret uns, ohne daß sieden Samen zu einer anhaltende» Traurigkeitin unsrer Brust ausstreue. Sie machet, daßdie Thränen uns aus den Augen rinnen, ohnedaß sie uns in der That traurig mache. DieBetrübniß liget so zu sagen nur an dem Randeunsers Hertzens, und wir spühren wohl, daßunsere Thränen mit der Vorstellung der sinn-reichen Erfindung, die daran Ursache ist, auf-hören werden.
Fraget man nun, woher und auf welcheWeise dieses Ergehen entstehe, welches die ge-schickte Nachahmung der Kunst durch ihre eigen-thümliche Kraft zuwege bringet, so ist die Haupt-Ursache davon diejenige, welche Aristoteles imvierten Cap. seiner Poelick angiebt, weil manin einer geschickten und glücklichen Nachahmungneben der Wahrheit auch eine feine Geschick-lichkeit und Fertigkeit vor sich findet, da solchesdem Geist Anlaß zu Ueberlegungen und Be-trachtungen giebt, so daß er dergestalt allezeitetwas neues innen wird. Dieser weltweiseMann erkläret sich selbst hierüber deutlicher indem ersten B. seiner Rhetorick im zweiten Cap.wo er saget: „Weil das Lernen und die Ver-„ wunderung etwas angenehmes mit sich führen,„so geschicht nothwendig, daß die Sachen, die„durch Nachahmen gemachet sind, uns Er-setzen verursachen, z. E. die Mahler-Kunst,„die Bildhauer-Kunst, die Poesie, kurtz, alles,„was wohl nachgeahmet ist, ob die nachgebil-dete Sache gleich unangenehm ist, weil das„Ergehen nichr von derselben entspringet, son-„dern von der Gewahrwerdung im Ueberlegen,„daß dieses Ding eben dasselbe ist, also daß wir„etwas lernen können." Die zwo Quellen desErgehens, das von den Künsten entspringet,sind nach Aristoteles die Erweiterung unsererErkenntniß und die Verwunderung Das Er-gehen ist also zweifach, das erste entstehet eigent-lich von der Materie der Nachahmung, dasandere von der Kunst der Nachahmung. Gleich-wohl bemercket Aristoteles, daß dieses doppelteErgehen auch in der Kunst der Nachahmungauf gewisse Weise vereinigt zu finden sey: unddaß die Nachahmung nicht allcine in Absichtauf ihre Materie lehrreich sey, weil sie unsmancherley Wahrheiten der Natur vorleget;sondern auch weil die geschickte Nachahmung
uns die Sachen in einem solchen Licht vorstellet,baß wir uns nicht einschlagen können, dieselbenaufmercksam zu betrachten, dabey wir Anlaß zuallerley Betrachtungen bekommen. Die Nach-ahmung hat in der That mehr Kraft, die Auf-mercksamkeit der Leute zu unterstützen, als dieNatur selbst. Wir haben mehr Ausmercksam-keir für die Früchte und die Thiere, die ineinem Gemählde vorgestellet werden, als wirfür diese Sachen selber haben würden. DieCopie ziehet uns stärcker an sich, als das Ori-ginal. Stellet uns die Nachahmung einen be-kannten Gegenstand vor Augen, wovon wirallbereit einen Abdruck im Kopf haben, so nö-thigt sie uns zugleich die Nachahmung mit demUrbild, die Kräfte der Kunst mir den Kräftender Natur, die Empfindungen, welche die Kunsthervorbringet, mit denen Begriffen und Em-pfindungen, so die würcklichen Gegenstände selbstin unserm Gemüthe hinterlassen haben, zu ver-gleichen, und von ihrer Uebereinstimmung undÄhnlichkeit zu urtheilen; welche Gemülbes-Beschäfrigung dem Menschen nicht alleine fürsich selbst sehr angenehm ist, sondern auch seineBegriffe von den Dinge» der Natur, und derVollkommenheit der Kunst nothwendig vermeh-ren muß. Ich sage, diese Gemüthes-Beschäf-tigung, da die Eopie mit dem Originale ver-glichen wird, sey dem Menschen für sich selbstangenehm, dieses geschicht nicht alleine darum,weil sie sehr leicht und natürlich ist, sondernauch, weil sie ihm eine gute Meinung von sei-ner Fähigkeit und Vollkommenheit beybringet,,und seiner angebohrnen stolhen Eigenliebe an-genehm schmeichelt. Denn wie Quintilianussaget: „ Den Zuhörern ist solches angenehm; so-bald sie es verstanden haben, sind sie über ihreneigenen Scharfsinn ergötzt und erfreut, nicht alsob sie es gehört, sondern als ob sie es erfundenhätten." Wir sehen nemlich eine geschickte Nach-ahmung an, als einen Abdruck von einem Ur-bilde, das wir schon zuvor in dem Kopf haben;die Nothwendigkeit selbst setzet uns gleichsamzum Richter darüber, und fordert unser Urtheilvon uns. Also mercken wir nicht, daß der Ver-fasser uns hat unterrichten wollen, sondern glau-ben vielmehr, daß er die Demuth gehabt habe,uns seine Gemählde zur Beurtheilung zu über-geben. Mithin legen wir uns eine Herrschaftüber denselben bey, und messen die Entdeckungder Schönheiten in einem Gemählde mehr un-srer Geschicklichkeit, als der Kunst des Maklerszu. Man hat angemercket, daß die künstlicheÄbbildung von einer unbekannten Person, diewir niemahls gesehen haben, ein schwächeresErqetzen verursachet, als das Conterfait einerbekannten Person; was mag die Ursache dessenseyn, da doch die Vorstellung eines unbekanntenBildes den Vortheil hat, daß es uns von etwasneuem unterrichtet? Keine andere, als weilbey der Vorstellung einer unbekannten Sache,von der wir kein Urbild in dem Kopf haben,diese angenehme Vergleichung des Abdruckes mitdem Urbilde nickt Platz hat; denn man kanvon der Schönheit einer Nachahmung nicht ur-theilen, wenn man das nachgeahmte Urbild nichtkennet. Aber alsdann entstehet das Ergetzen,wie Aristoteles in der angezogenen Stelle sehrwohl sagt, nicht von der Schönheit der Nach-
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