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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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83-84
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Christian Fürchtcgott Gellcrt

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tadelt; aber edle Gemüther, wie die Ihrigen,verlangen, daß man ihnen die Fehler zeige, umsich vor denselben zu hüten, oder sie rühmlichabzulegen. Ich kann also ohne Furcht reden,wenn ich mit der Aufrichtigkeit rede, welche einLehrer seinen Commililonen schuldig ist, undmit der Liebe zur Wahrheit, ohne welche derbeste Redner ein Schwätzer wird, und, indemer nur für seine Eitelkeit, und nicht für seineSache spricht, die Ehre des Verstandes demRuhme des Witzes aufopfert.

Es ist schwer, ja es ist unmöglich, alle dieFehler zu bestimmen, oder zu sammeln, die manbei) dem Studiren auf Akademien zu begehenpflegt. Ein jeder kann »ach dem Genie, dasihm eigen ist, nach den besondern Umständen,darinn er sich befindet, nach dem Stande, inwelchem er gebohren ist, auch eigne und be-sondre Fehler an sich haben. Wir wollen nurdie allgemeinen aufsuchen und bis auf ihreQuelle zurückgehen. Man fehlt bald in derAbsicht und den Eewegungsgründen, bald inder Ausführung, oder der Art, mit der manstudiren soll, bald in beyden zugleich.

Die besten Absichten, das Verlangen, unsernVerstand mir nützlichen Kenntnissen zu bereichern,unser Herz edelgesinnt und rechtschaffen zu ma-chen, und zum Dienste des Vaterlandes, derWelt vorzubereiten; dieses Verlangen sollte unsunstreitig bey unserm Studiren beleben. DieVorstellung, daß es unsre Pflicht ist, die Kräfteunsers Geistes zur Ehre seines Urhebers zuverwenden, sollte uns regieren, uns die Mühedes Fleißes, des Nachdenkens, versüßen, welchedie Arbeiten des Verstandes koste». Der Ge-danke, du bauest dein eigen Glück, du schaffestdeine eigne Zufriedenheit, du beförderst die Ord-nung, die Ruhe der Welt, indem du studirest,sollte uns am Morgen beseele», wenn wir indas Feld der Künste und Wissenschaften eilen,und uns am Abend belohnen, wenn wir ausdemselben zurückkehren. Die Ueberzeugung vonunsern Fähigkeiten zum Studiren, die Ueber-zeugung, du kannst in dieser Beschäfftigung,vermöge deiner natürlichen Gaben, als ein Ge-lehrter künftig den meisten Nutzen stiften, dieStelle eines Mitbürgers in der Welt am wür-digsten behaupten; das geheime Gefühl desSchönen an den Künsten und Wissenschaften,sollte uns in unserm Fleiße stärken, sollte unsdie tausendfachen Hindernisse überwinden helfen,die uns auf der Bahn der Gelehrsamkeit auf-stützen, sollte uns beruhigen, wenn wir das nichtso bald erreichen, was wir gern erreichen woll-ten, füllte uns beherzt machen, die Liebe zurGemächlichkeit, zum Vergnügen, zur Eitelkeitzu besiegen, sollte uns sorgfältig machen, dieZeü sparsam einzutheilen, klug, den Verfüh-rungen müßiger Freunde und' dem Eindruckedes schlimmen Beyspieles auszuweichen.

Aber sind dieses wohl die Triebfedern, dieuns bey dem Siudiren in Bewegung setzen?Legen wir uns in unsern jüngern Jahren des-wegen auf die Wissenschaften, um unsern Ver-stand und unser Herz zu bessern, oder mehrum den eitlen Namen und die Freyheiten einesGelehrten zu erlangen? Deswegen, um derWelt mit unsrer Wissenschaft zu nützen, oder,um damit zu pralen, und uns groß zu machen?

Ist es die Stimme der Pflicht, der innerlichenNeigung, die uns zu den Künsten ruft, oderdie Stimme des Vorurtheils, des Beyspiels un-srer Freunde, des Eigensinns der Aellern, der5 Vortheile, des Vorzuges, den die Gelehrten vorden übrigen Ständen haben? Ist es die an-gestellte Prüfung unsrer Kräfte, das Urtheilder Verständigen, die Ueberzeugung, daß wir indem gelehrten Stande der Welt am nützlichsten1V werden können, ist es dieses, was uns denselbenzu ergreifen und zu behaupten befiehlt? Oder-ist es die Liebe zur Freyheit, zur Ungebunden-heit, zur Bequemlichkeit, die wir bey dem Ge-fchäffte des Studirens am ersten zu befriedigen15 hoffen? Wie oft studirt der Arme und Nie-drige, um reich und groß, der Reiche und Vor-nehme, um noch reicher, noch vornehmer zuwerden, oder um den Vorwurf nicht zu dulden,daß er nicht studirt hätte! Dieser widmet sich20 der Gelehrsamkeit, weil es die Mode mit sichbringt, jener, weil er seines Vaters Amt wün-schet, ein andrer, weil ihn der Titel rührt, undvielleicht ist die Anzahl derer nicht klein, welchees thun, ohn« zu wissen warum. Viele haben25 zu wenig Kenntniß von sich und den Wissen-schaften, um zu wissen, ob sie Geschicklichkeitdazu haben; sie studiren aus Blindheit. Vielehalten eine bloße Lust zu den Büchern für dasGenie zu dem Studiren; und hintergehen sich.30 Viele werden von unwissenden Lehrern undFreunden für geschickt zum Studiren erklärt;und lassen sich betrügen.

Alle diese unedlen Absichten haben einenschlimmern Einfluß in die Wissenschaften, in die35 Welt, und in diejenigen, in welchen sie herr-schen, als man denkt. Und warum? sagt man.Was liegt der Welt an den Absichten, aus wel-chen wir etwas nützliches unternehmen? genug,wenn die Unternehmung erfolgt! Kann man40 es, wenn man sonst Genie hat, nicht immerhoch in den Wissenschaften bringen, wenn mangleich aus Eitelkeit, aus Ehrgeiz, aus Gewinn-sucht studiret? Ist derjenige, der groß, be-rühmt, begütert durch die Wissenschaften werden45 will, weniger genöthiget, Fleiß auf dieselben zuwenden, als ein Andrer, der aus Geschmack,aus Liebe, aus Pflicht studiret? Sind unsreLeidenschaften nicht oft gewaltigere Triebfedernzu großen Dingen, als alle Gründe der Ver-5<> nunfc und Lugend? Kann man etwa keingroßer Redner, kein gründlicher Wcltwciser, keinkluger Arzt, kein trefflicher Rechtsgelehrter wer-den, als aus Liebe zur Well? Nein, ich gebees gern zu, daß wir, durch den Befehl der55 Eigenliebe angefeuert, durch die reizenden Aus-sichten der Ehre, der Hoheit, des Vermögensbelebt, nicht allein die beschwerlichsten, sondernauch die nützlichsten Bemühungen in den Wissen-schaften unternehmen können. Ich verlange60 nicht, daß das Herz der Srudirenden ohne alleLeidenschaften seyn soll; dieses ist stoischer Un-sinn. Sie sind uns und der Welt nützlich; undGeschenke der Vorsehung müssen wir nicht vonuns werfen; aber wir müssen sie auch in der65 Absicht zu gebrauchen wissen, zu der sie be-stimmt sind. Die Ehre, eine Belohnung desFleißes, kann uns im Studiren beleben; abcrsie soll uns nicht regieren. Viele Dinge kommenuns rühmlich vor, und viele Bemühungen