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Christian Fnrchtegott Gellrrt.
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und werden dem gemeinen Leben zur Last. Siesind zu verdrossen, zu alt, etwas andres zuergreifen; zu träge, zu bequem, eine Arbeit desKörpers auszustehen, oder zu eitel, eine Be-schäffcigung des gemeinen Lebens zu erwählen;und so beschweren sie, als gelehrte und unglück-liche Müßiggänger, die Welt.
Die Fehler, die wir in der Art zu studirenbegehen, unsre Absichten mögen edel seyn, odernicht, sind nicht weniger beträchtlich.
Wir kommen oft mit keiner geringen Mey-nung von unsern Kräften, und mit dem Ge-danken , daß wir binnen drey oder vier Jahrenuns zu guten Rechtsgelehrten, zu Theologen,zu Aerzten studiren müssen, auf die Akademie.Unsre Kenntniß in den Sprachen und Geschich-ten der Alten, die doch ein unentbehrlichesMittel zur Gelehrsamkeit sind, ist oft sehr seicht.Eben zu der Zeit, da wir sie uns erwerbensollten, hielten wir uns durch eine unzeitigeLiebe zu den Schriften der Ausländer, und denWerken in unsrer Muttersprache, davon ab.Wir hielten es für eine löbliche Wißbegierde,so viel neuere Werke des Witzes, Journale,Wochenblätter, gute Romane zu lesen; undwir sahen nicht, daß wir nur für unsre Eitel-keit, für unsern Zeitvertreib, für unsre Bequem-lichkeit lasen, und uns durch diesen übel ver-standenen Fleiß den Eifer und die Zeit raubten,die wir vornehmlich auf die Sprachen der Altenund ihre Werke der Beredsamkeit, der Poesie,und der Geschichte hätten verwenden sollen. An-statt diese Kenntniß auf den Akademien zu ver-mehren, unterlassen wir n'cht, uns derselben,als einer beschwerlichen Last, wieder zu ent-ledigen , in der stolzen Einbildung, daß wirwichtige und reelle Dinge treiben müßten- Wirfangen an, die vortrefflichsten Schriften derGriechen und Römer, als Bücher, die für dieSchulclaffen gehören, zu verachten, und rächenuns durch diese Verachtung für die unglück-liche Mühe, die sie uns auf der Schule gekostethaben. In eben den Jahren, da unser Ver-stand reifer wird, und da wir ihn durch dieedle Denkungsart der Alten bilden und durchihren guten Geschhiack unsern Geschmack schär-fen sollten, werfen wir die schönsten Schriftenhochmülhig und unwissend aus den Händen,und mit ihnen alle die Vortheile, die uns dieKenntniß dieser Werke in den höhern Wissen-schaften und in unserm Leben hätte verschaffenkönnen. Es ist wahr, die Sprachen der Altensind die Gelehrsamkeit nicht. Man kann dasGedächtniß damit angefüllt haben, man kannvon Jugend auf gewöhnt worden seyn, Lateinzu reden und zu schreiben, und man kann ebenso unwissend, eben so schlecht, so unrichtig, sodüster denken, als diejenigen, die nur ihreMuttersprache wissen, ja vielleicht noch schlech-ter, weil diese den Verstand weniger erstickthaben.
Aber dennoch bleibt es wahr, daß wir ohneeine richtige und genaue Kenntniß der altenSprachen, ihres besondern Charakters, ihrerRegeln, die Werke der Alten nicht mit Nutzenlesen, und nicht mit Gründlichkeit auslegenkönnen. Nur alsdann verstehen wir eine Schrift,wenn wir bey ihren Worten das denken, wasder Schriftsteller dabey gedacht haf. Die Worte
sind Zeichen der Gedanken; aber wenn ich dieseZeichen nur halb, wenn ich sie falsch verstehe,mir weniger oder mehr dabei vorstelle, als ichsoll, werde ich meinen Schriftsteller wohl ver-5 stehen? Werde ich nicht Gefahr laufen, ihmeinen Verstand anzudichten; oder werde ich dieRichtigkeit seiner Vorstellung einsehen können?Diese Sorgfalt vergessen wir nur gar zu sehr.Wir lernen, wenn wir auch alte Sprachen ler-10 nen, sie nur halb, und ihre Worte aus denWorten unsrer Muttersprache erklären. Anstatt,daß wir uns gewöhnen sollten, bey den Wortenund Redensarten einer todten Sprache den Be-griff zu denken, und ihn zu bestimmen: so ge-15 wöhnen wir uns, Ausdrücke aus unsrer Mutter-sprache . die einige Verwandtschaft mit denAusdrücken der alten Sprache haben, in unsernGedanken an ihre Stelle zu setzen. Wir ver-tauschen Wort mit Wort, und denken bey den20 Worten eines alten Werkes, was der Gebrauchan dieses oder jenes Wort in unsrer Sprachegebunden hat. Die schlechte Anführung in un-srer ^Jugend, die elenden Wörterbücher, undunsre Bequemlichkeit bestärken uns in diesem25 kindischen Fehler. Ist es erlaubt, ihn in einemBeyspiele zu zeigen? Wenn ich bey dem Cicerodie Beschreibung der Philosophie lese, daß sieeine Wissenschaft >Iiv>n»r»i» tiinnanariimqusroruin sey, und ich denke im Lesen die Aus-30 drücke (liviimo Iiiiniaii.iequL rvs, durch gött-liche und menschliche Dinge, das heißt, durcheinzelne und allgemeine Wörter meiner Mutter-sprache, die einige Verwandtschaft mir jenenhaben; und so verfährt der bequeme Leser sehr35 oft: so denke ich entweder gar nichts, oder dochdas nicht, was Cicero gedacht hat, und alsoverstehe ich ihn nicht; und also kann man eineSprache wissen, und sie nicht verstehen, weilman sie nicht richtig weis. Wenn ich daher40 nicht weis, daß die Alten unter «Uviiii» robv8in der Philosophie meistens die Physik und dienatürliche Theologie, unter den liunianis reliusdie Lehre von den Kräften des Verstandes undWillens, die Dialcctik und Moral verstunden:45 so denke ich ein Räthsel. Ich beschuldige ent-weder meinen Autor eines Mangels des Ver-standes, oder ich verunehre ihn, und vereitlemeine Mühe des Lesens durch eine falscheMeynung.
50 Gesetzt, wir haben uns eine grammatischeKenntniß der Sprachen der Alten erworben:sind wir deswegen im Stande, sie zu lesen,wenn wir uns nicht in ihre Zeiten versetzenkönnen, wenn wir nicht mit ihren Sitten,55 Gewohnheiten, Meynungen, mit ihrer Religion,mit ihrer Regierungsform in einer genauenBekanntschaft stehen, wenn wir ihr Land undseine Geschichte, wenn wir die Zeitrechnungnicht immer vor Augen haben? Ohne die60 historischen, geographischen und chronologischenKenntnisse werden wir die Schriften der Allennur im Dunkeln lesen. Wir sollten sie besitzen,ehe wir uns an die Autoren wagen. Es ist zuspät., sich um dieselben zu bekümmern, wenn65 wir den Autor schon in Händen haben. Wirhalten uns auf, indem wir das Orakel derNoten und Erklärungen um Rath fragen, undes ist so ungetreu, daß es uns oft gar nicht,oft salsch antwortet. Wir können nicht leicht.