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Christian Fürchtegott Geliert.
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nicht geschwind, nicht ununterbrochen lesen, unddieß erweckt uns entweder einen Ekel vor demLesen selbst, oder wenn wir ibn auch überwin-den : so verhindern uns doch diese Ursachen, daßwir die Schriften der Alten nicht oft genugitstn, nicht ihr Ganzes übersehen, nicht alleihre Schönheiten entdecken können.
Wie wahr dieses sey, beweist die Liebe zuden Uebersetzungen. Warum lesen wir einehalbgetreue Uebersetzung lieber, als das Origi-"al, da wir doch sicher wissen, daß sie denAutor verunstaltet zeigt? Deswegen, weil manleichter, geschwinder fortgeht, und weil man imLesen gern für die Mühe des Lesens durch einebaldige Einsicht in das ganze Werk belohnt 15seyn will. Die Begierde, zu wissen und zuempfinden, ist der Sporn des Lesens. Je we-niger sie Hindernisse findet, je reichlicher siebefriediget wird, desto mehr wird sie uns ,nder Aufmerksamkeit und im Fleiße erhalten;und desto mehr also sollten wir die Sprachetreiben.
Wer die Schriften der Alten mit Nutzenlesen will, der muß sich bemühen, die Schön-heiten der Sachen und der Schreibart zu be-urtheilen und zu fühlen. Dieß ist die Ver-fassung, in die man sich bey dem Lesen setzensollte. Hierzu sollte man sich auf S chulen undAkademien vorbereiten, um in seinen übrigenJahren darinnen fortzufahren. ^
Man wundert sich, warum Männer, denenman die Kenntniß der Sprachen gar nicht ab-sprechen kann, Männer, die beweisen, daß siedie Alten beynahe im Gedächtnisse haben, undauch verstehen, warum, sage ich, solche Männer, kwenn sie eine Schrift entwerfen, so kraftlos,so verlassen von Geist und Geschmacke, denkenund sich ausdrücken? Warum werden sie dennnicht durch den Geist der Alten belebt? Solltenicht eine von den vornehmsten Ursachen diese §seyn, daß sie sich in ihren ersten Jahren nichtbestrebt haben, die Schönheiten der Alten inAnsehung der Einrichtung und Anlage, derAusführung und Schreibart zu bemerken undßu fühlen; daß sie sich nicht gewöhnet haben, die 1Zeichnung des Werks und seine Colorite wahrzu-nehmen? Man kann den Homer sorgfältig gelesenL^ben und verstehen; und man kann weder denWerth der Einrichtung der Jlias, noch dieAgenden einzelner Stellen, noch die Schönbeit 5und Feinheit der Gedanken einsehen und em-pfinden. Man kann die Oden des Horaz imGedächtnisse haben, man kann sie loben undbewundern, sie überhaupt dem Verstände nachrichtig erklären, und doch weder die Kunst, opvch die Natur, die in ihnen herrschet, sehenund fühlen. Was wird uns diese Kenntniß derAlten nützen? Was hilft sie uns, wenn sieWerk des Geschmacks nicht anlegen,mcyt beleben, nicht ausführen hilft? Und wie trann ste dieses, ^sti; die Alten nie, oder sehrdieser Seite betrachtet haben? Dieverlieren, wenn sie nicht amnicht zu rechter Zeit, nicht mitZ chmaV°a ^heit, kurz! nichtst°Ä mu« werden. Mein
mitGegen-
nuno muß sie'mir darbieten; er enthält dieFunken, wenn ich so reden darf, und meinGenie ist nur der Zunder, der sie auffängt. Merne
Einsicht muß es mir sagen, wie viel ich vondiesem Lichte zu meiner Absicht, zur Gründ-lichkeit, zur Deutlichkeit, zum Glänze gebrau-chen soll, oder nicht. Gesetzt nun, wir hättendurch vieles Lesen einen Verrath der bestenGedanken der Alten eingesammelt: was wirduns dieser Schatz helfen, den wir nicht zu ge-brauchen wissen? Wenn wir uns ihre Klugheitund ihre Feinheit der Schreibart nicht zugleicheigen gemacht haben: so können wir bey allunserer Einsicht in ihren Verstand, und beyallem Genie, in unsern Werken gezwungen,unnatürlich, und abentheuerlich schreiben. Wirkönnen Praler, Verschwender, Pedanten, Kinderin der Schreibart werden. Wir können Skla-ven, furchtsame Sklaven im Ausdrucke werden,und eben dadurch das größte Verdienst, dienatürliche Anmuth und Ungezwungenheit, ausunsern Schriften verdrängen.
> Was wird es also nützen, wenn man dieWerke der Alten liest, und sie nicht nach denRegeln der Kunst, ich möchte bald sagen, nachden Regeln der Natur; denn was ch'nd alleRegeln der Kunst anders, als Stimmen, Be-fehle der Natur, welche die größten Geistergehört, verstanden und ausgeübt haben? wennman sie, sage ich, nicht mit Einsicht in dieRegeln, und mit Geschmack, oder Empfindungliest? Pope spricht: „Mit eben demselben Geiste,mit welchem sie der Autor geschrieben hat."
Dieser Fehler ist gemeiner, als man denkt.Man nehme, daß ich nur bey den einzelnenGedanken und ihrem Ausdrucke stehen bleibe, dieUebersetzungen und Auslegungen gelehrter Män-ner über die Alten, solcher Männer, die allesgewußt haben, was zum Verstände des Origi-nals gehört, und die doch das Schöne daranoft nicht empfunden haben. Hätten sie das,was in der Grundsprache in Ansehung des Ge-dankens, seiner Wendung, seines Ausdrucks, edel,fein, verdeckt, nur halb gezeigt ist, wohl ganzzeigen, oder plump ausdrücken können, wenn siemehr, als den groben Verstand des Originalsgefühlt hätten?
Wer die Schönheit des Ausdrucks, die Ver-schiedenheit der Schreibart nach dem Bedürfnißder Materie, die künstliche Abwechselung undMannichfaltigkeil des eigentlichen und Eigent-lichen Ausdrucks, das Licht und den Schattender Schreibart nicht sieht und nicht fühlt, derliest nicht mit Geschmacke. Es ist wahr, daß«ine gewisse richtige Empfindung der Natur zudieser Art des Lesens erfordert wird. Alleinman kann sich dieses Gefühl auf gewisse Weisedurch Sorgfalt und Aufmerksamkeit, durch dieAnmerkungen großer Kenner, und durch dieEinsicht in die Sprache und Sachen geben.Thun wir dieses wohl in den Jahren, da wirstudiren?
Was heißt Einsicht in die Sprache, washeißt Aufmerksamkeit im Lesen, um mit Em-pfindung zu lesen? Ich muß nicht nur dieSprache überhaupt, ich muß die besondre Sprachemeines Autors verstehen, vornehmlich, wenn dieSprache, in der er geschrieben, itzt eine todteSprache ist. Wie kann ich diese verstehen, wennich ihn nicht oft, nicht einmal, oder etliche male,nach einander lese, um mich mit den Bedeu-tungen seiner Wörter und mit seinem besondern