91
Christian Fürchtegott Geliert.
92
Genie bekannt zu machen; wenn ich ihn nichtalsdann mit einer Art der Zergliederung durch-gehe, und bey nahe mit eben der Sorgfalt lese,mit der man schreibt; wenn ich ihn nicht miteiner Einsicht in seinen Endzweck, in seinenPlan, fast auf jeglicher Seite lese? Alsdannwerde ich die Schönheiten finden; sie werdenmeinem forschenden Auge in den Theilen undim Ganzen begegnen. Ich werde sehen, meinAutor mag ein Geschichtschreiber, ein Redner,ein Poet seyn, ich werde sehen, wie alles zuseinem Zwecke eilet; wie er überall die Natur,die wahre oder wahrscheinliche, um Rath gefragthat; wie er das, was zu viel ist, eben so wohlvermeidet, als das, was zu wenig ist; wie erdie allgemeine Deutlichkeit und Richtigkeit inseinen Gedanken überall herrschen läßt, eineOrdnung beobachtet, die dem verstände derMenschen und der Natur der Sache gemäß ist,seinen Ausdruck nach richtigen Vorstellungenabmißt; wie seine Schreibart, gleich den Stra-len der Sonne, die Gegenstände zwar aufklärt,aber nicht verändert; wie er Schönheitenanbringt, wo sie die Sache rechtfertiget; wieer die Hauptschönheit, nämlich Einfalt undWahrheit, nie durch gesuchte Nebcnschönheitenüberlädt, noch das Bedürfniß der Sache -unddes Unterrichts über der Begierde nach Zier-rathen vergißt- Ich werde sehen, wie er deut-lich denkt und spricht, ohne in das Matte undLeere zu fallen, wie er fein, ohne in das Ge-zwungene, nachlässig, ohne in das Ekelhafte,edel, ohne in das Pralerische, und nachdrücklichspricht, ohne in das Gesuchte sich zu verlieren.
Aber dieses, wird man sagen, sind schöneTräume. Wozu wird mirs nützen, daß ichdie Sprache und Schönheiten der Alten aufdiese Art gefaßt habe, wenn ich nicht ein Lehrerauf Schulen oder Universitäten werden will?Was werden mir alle diese Kenntnisse helfen,wenn ich in öffentliche Geschähe komme, dieganz andre Einsichten voraussetzen? Was wer-den sie nützen, als daß ich sie unter tausendnöthigern Arbeiten vergessen, und die VerlorneArbeit beklagen muß? Kann ein Staatsmann,ein Gesandter, ein General, ein praktischerRechtsgelehrter, können tausend andre Bedientedes Staats aus dieser Weisheit der Alten einenandern Vortheil ziehen, als daß sie Pedantenwerden? Sollen sie diese Beschäfftigungen inihren Aemtern zu ihrem Vergnügen noch trei-ben , und dadurch ihre Pflicht verabsäumen?Man will also wissen, was uns alle diese Ge-lehrsamkeit nützen wird? Wir werden in öffent-lichen Aemtern, wenn alles auf beiden Seitengleich ist, glücklicher arbeiten, als Andre, diesie nicht besitzen; wir werden mit mehr Ein-sicht, mit mehr Klugheit, mit mehr Geschmackegroße Geschaffte besorgen, in unsern schriftlichenoder mündlichen Vortrügen mehr Ordnung, mehrDeutlichkeit, mehr Kürze beobachten; wir wer-den in dem gesellschaftlichen Leben beredter, ge-sitteter, leutseliger seyn; wir werden da sprechenkönnen, wenn Andre verstummen; wir werdender Gesellschaft, dem Hofe, unvermerkt unsernguten, unsern richtigen Geschmack mittheilen;wir werden in unsern Häusern, als Vater, alsFreunde, die Erziehung der Unsrigen besser be-sorgen ; wir werden Andern durch unsern Rath
nützlicher, wir werden uns nach vollendetenArbeiten weniger zur Last werden, weil wirdurch das Lesen alter und neuer Schriften un-ser Vergnügen erschaffen, oder selbst etwasniederschreiben können, das würdig wäre, vonden Alten gelesen zu werden. Werden wir inöffentlichen Bedienungen des Staats nichts ausden Schriften eines Lenophon, Cicero, Cäsarsnützen können? Waren es Pedanten, oderwaren es Staatsmänner, Generale und Hel-den ? Wird von ihrer Klugheit nichts in unseinstießen? Waren es nicht zugleich Weltweise,Redner, Geschichtschreiber? Und würden sie inihren Aemtern so groß geworden seyn, wennsie in ihren süngern Jahren die Gelehrsamkeitweniger getrieben hätten? Würden sie das,was sie geschrieben, so vortrefflich haben schrei-ben können? Wenigstens beweisen solche Bey-spiele, daß man in den größten Bedienungennoch Zeit zum Studiren, und in den erlerntenWissenschaften der jüngern Jahre noch eineQuelle des Vergnügens iin Alter finden kann.
Wer hat, wird man einwenden, wer hatauf der Akademie Zeit, auf diese Weise die Altenzu studiren? Wenn wird man die Neuern lesenkönnen? Wenn wird man die höhern Wissen-schaften treiben, wenn wird man das, was inder Gelehrsamkeit praktisch ist, ausüben können?Wenn man das wird thun können, fragen Sie?Vielleicht alsdann, meine Herren, wenn man aufden Schulen, wenn man in den ersten Jahrendie Sprachen und ihre Hülfsmittel nicht sonachlässig und unzulänglich gefaßt haben wird;wenn man mit besserer Zurüstung, mit mehrNeigung für die Wissenschaften, mit mehr Fleißauf die Akademien zieht: wenn man sich einigeJahre länger auf denselben aufhält; wenn mandie Zeit weniger verschwendet; wenn man dasVorurtheil ablegt, daß die Zeit zum Lesen undStudiren nur in die Grenzen der Jahre desJünglings eingeschlossen sey; wenn man dasVorurtheil ablegt, man könne auf Akademiengelehrt werden; wenn man sich stärker über-zeugen wird, daß man an diesen Orten nurden Grund zur Gelehrsamkeit lege, daß einJüngling auf Akademien den Saamen ein-sammle, der in seinem Genie künftig tragensoll, der aber Zeit zur Reife, Wartung undSonne erfordert, und der künftig aus seinemeignen Boden die Nahrung ziehen muß, umFrüchte zu bringen. Sie fragen, wo man beyeiner solchen Art zu studiren Zeit zu den höhernWissenschaften auf Akademien gewinne» wird?Man wird sie schon gewonnen haben, wennman die Sprachen und Geschichte auf diese Artgetrieben hat. Man wird in den Rechten, inder Goktesgelahrtheit, in der Medicin schnellerund glücklicher fortgehen. Man wird wenigerHindernisse finden, mehr Muth haben, wennman sieht, daß man die Quellen schon kennt;man wird die Lehrer besser verstehen; manwird das, was man in seinen Lehrbüchern fin-det, besser überdenken, richtiger ausfüllen können,weil man sich gewöhnt hat, nicht Worte ohneSachen zu denken, weil man schon einen Ver-rath vieler Kenntnisse besitzt, weil man diebesten Schriften ohne Mühe und Angst, undohne sich auf den bloßen Ausspruch seines Leh-rers zu verlassen, zu Rathe ziehen kann. Sie
5
IN
15
20
25
30
35
40
45
50
55
60
65