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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
99-100
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Johonn Joachim Spaldmg.

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«nicht die Wege, wodurch die mehresten Menschenes zu merken geben, daß sie Gott fürchten.Wenn jemand (damit ich von den übrigen Be-zeigungen der Andacht mit Fleiß nichts berühre,)in einer Gesellschaft, der er Religion zutrauet,mit einer Art, daran das Herz Theil hat, vonder Religion zu reden anfangt, so wird dieserwunderliche Einfall entweder geradezu unter-brochen; und die Rede auf etwas anderes ge-leitet; oder man zeiget auch mit einem kaltenunempfindlichen Stillschweige», mit einer gewissenVerlegenheit der Gebärde, die man gerne zwi-schen Billigung und Misfallen im Mittel er-halten will: daß man das hier gar nicht erwartethabe; daß das gar nicht dahin gehöre. Undwarum denn nicht? Das ist die Frage, dieich von dergleichen Leuten so gerne beantwortethaben möchte. Warum wird eine solche Redenicht unterstützet? Warum wird sie nicht ebenso gut, eben so munter und natürlich fortge-führet, als eine jede andere, davon wir glauben,daß sie die ganze Gesellschaft etwas angeht?Dieß Bezeigen hat für manchen, dessen Herzsonst bell dieser Sache in der rechten Berfassungist, so etwas abschreckendes und niederschlagendesan sich, daß er, nach etlichen solchen Erfahrun-gen, es gar nicht mehr wagen mag, Dinge vondieser Art ins Gespräch zu bringen, um sichnicht umsonst und ohne alle» Nutzen den Vor-wurf einer Donquischotterey in der Gottesfurchtzuzuziehen. Wo überhaupt dieser Mangel einesmerkbaren Gefühls von der Gottheit nicht einewirkliche Gedankenlosigkeit und eine dadurch er-worbene gänzliche Unfähigkeit zum Empfindenist, da ist es, aller Bermulhung nach, bloß einefalsche Scham, eine Besorgniß, von andern fürandächtig gehalten, und eben wegen der Andachtverachtet zu werden. Diese niedrige Feigheitund Schwäche aber, um solcher Menschen wil-len , die augenscheinlich verkehrt und unedeldenken, die würdigsten Empfindungen zu unter-drücken, die mag ein jeder anderer an meinerStatt mit ihrem rechten Namen belegen.

Am sonderbarsten kömmt mir hierbe» dasvor, daß die Sittenlehrer, die für die Lugendreden und schreiben wollen, so wenig an dieAndacht gedenken, wofern sie nicht von Amtswegen dazu verbunden sind. Sie scheinen zubesorgen, daß es nicht artig genug lassen werde,so geradezu Gottes und der Empfindungen, dieihm von uns gebühren, zu erwähnen: und dieArtigkeit, das ist doch bey einem großen Theilevon ihnen die Hauptsache. Dieß ist mit einStück des Geschmacks, den wir unsern großenMustern, den Franzosen, zu danken haben!Auch ihre Sittenlehre trägt insgemein denleichten Charakter des Volks an sich; und Witz,Wendungen, Zergliederungen, Schildcrcycn, dasist alles, was man darin verlanget. Die Mo-ralisten von der Schule des Marivaur, eineverderbliche Sccte! affeckiren bey den gewöhn-lichsten Wirkungen des menschlichen Gemüthseine nichts bedeutende Metaphysik; versteigensich in feinen quintesscntiirten Sentiments,und halten sich so sehr bey den Außcnwerkenund Verzierungen der Tugend auf, daß ver-wahre Grund derselben gar nicht berühret wird.Man will die Menschen nicht tugendhaft ma-chen ; sondern nur artig und sinnreich von der

Tugend schreiben: denn sonst würde man baldfinden, daß die Erhebung des Gemüths z» demUrbilde aller moralischen Ordnung und Güteden lebhaftesten Eindruck zu einer wirklichen5 Verbesserung bey den Menschen machen würde.Ein unendlich guter Gott, und der auch will,daß wir gut seyn sollen; das ist ein Gedanke,der, wenn man ihn recht entwickelt, und sichrecht mit ihm bekannt machet, dem Geiste in10 Absicht auf die Tugend eine Stärke und Hoheitgiebt, die man von noch so feinen moralischenSpitzfindigkeiten ganz vergebens erwartet.

So gut es nun daher seyn würde, wennwir mehr Anleitungen hätten, die aus die rechte15 Art die Andacht triebe», um sie liebenswürdig,und, ihrem praktischen Einflüsse nach, nutzbarzu machen: so schädlich halte ich auch Andachts-bücher, die diesem Zwecke nicht gemäß eingerich-tet sind; und es giebt hiebcy zween Abwege.2» In einer Menge von Schriften, an welche sichzum Theile unsere andächtigen Vorältern hallenmußten, fehlet gerade dasjenige, was den Um-gang mit Gott vcrnunstmäßig, ehrwürdig undgroß machet. Die Religion darin ist schwach,25 kindisch, und mit Vorstellungen überhäufet, dieweder Gottes noch des Menschen würdig sind;eine unnatürliche Vermischung platter, sinnlicherund verblümter Gedanken und Ausdrücke! Aberauf der andern Seite wird man auch nicht viel!!» verbessern, wenn eine gewisse Art der Bered-samkeit sich auch der eigentlichen Werke derAndacht bemächtigen sollte; eine Beredsamkeit,die unsern Geschmack zu eben der Zeit verun-ehret, da man ihn vielleicht dadurch recht in55 seiner Schönheit zu zeigen meynet. Zu vielgesuchter Schmuck, eine Ziererey in der Spracheund in den Wendungen; große schimmerndeGewölkc von Redensarten, die nichts festes nochlehrendes, nichts, das einer solchen kostbaren4» Einkleidung werth war, in sich finden lassen,die schicken sich in keine ernsthafte Schrift odexRede; und am allerwenigsten schicken sie sichdahin, wo das Gemüth sich unmittelbar mitGott, mit dem Gölte der Wahrheit, unterhalten45 soll. Wenn man da mübsam die Ausdrücke vonden Dichtern entlehnet, die nur die Einbildungs-kraft beschäfftigen; wenn es da genug zu mer-ken ist, wie sehr der Kopf gearbeitet hat, umetwas so schönes und prächtiges heraus zu kün-50 steln, dessen Wahrheit das frostige gefühlloseHerz gar nicht, oder doch viel schwächer, er-fahren hak: so ist der Leser sehr geneigt, diesesganze Geschäffte in das Reich der Erdichtungenzu setzen, und es sich nicht weiter anzunehmen,55 als in so weit er daraus lernen kann, von einerso hohen und entfernten Sache recht beredt zusprechen. Es giebt einen gewissen Geschmackin einer ordentlichen Seele, mit welchem siesehr schnell beurtheilet, ob die Empfindungen,60 die sie liest und höret, wirklich wahr, oder einbloßes Werk der angestrengten Einbildungskraftsind; und die letztere Gattung ist ihr etwashöchstwidriges, weil sie sich nicht enthalten kann,einen heuchlerischen Betrug des Urhebers darin65 zu sehen. Nur die Sprache der Natur undder Wahrheit, die von einem geraden und auf-richtigen Herzen zeuget, die gehöret für denUmgang mit Gott und unserm Gewissen. Undeben diese Sprache kann Hohes und Edles genug