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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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101-102
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Friedrich Gottlieb Klopstock.

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haben, wenn die Seele die großen Dinge, mitwelchen sie dann zu thun hat, recht zu empfin-den, und sie in einer reinen Einfalt auszudrückenweiß.

So darf also der Mensch nur sein Herz den.'"drücken, welche die natürlichen Folgen vonemer richtigen Erkenntniß dieser unendlich wich-^" Gegenstände sind, mit Vernunft und Ehr-»chkeit öffnen, um von den angenehmsten undwürdigsten Bewegungen durchdrungen zu wer-den- Hier fühlet die Seele erst ihre wahreGröße, wenn sie sich zu der Höbe geschwungendaß sie an den himmlischen Freuden derkndacht einen Geschmack findet. Hier kann sie

ihrem Verstände und ihrer Denkungsart Ehremachen; und alles in der Welt wird ihr da-gegen niedrig und klein seyn. Wenn ein Gottist — wenn er diese Welt erschaffen hat und5 regieret — wenn alles Gute in der Natur vonihm herrühret — wenn er mit seiner belebendenGegenwart alles erfüllet — wenn er auch michsieht — wenn er mich in den aufrichtigen Be-strebungen, gut zu seyn, mit einem anbetungs-10 würdigen göttlichen Wohlgefallen sieht - wennseine ganze unermeßliche Majestät für mich lau-ter Segen ist, Segen auf Ewigkeiten hinaus —Wo ist der Geist, der die ganze Gewalt dieserEmpfindungen erträgt?

Friedrich Gottlieb Klopstock.

l Von der Entdeckung und.der Erfindung.

Habe du wohl Acht aus den Unterschied, derzwischen dem, der erfindet, und einementdeckt. Hernach kannst du fol-gende Fragen an dich ergebn lasten: Darf ichmich des Erfindens unterfangen? Soll ichjuqen zu entdecken? oder muß ich beides unter-weges lasten? Wer entdecken will, siehet sichgar genau um.in dem Gewimmel der Dinge,so um ihn her sind; und siehet er darin etwas,das sonst noch Niemand hatte gesehn, so hat erentdeckt. Ein solcher muß vor Anderm Augenhaben, und auch Feuers, und Ausdaurcns genug,lang und oft hinzusehn, insonders dahin, woihm nun, wär's auch nur noch in der Däm-merung , etwa ein Lichrlcin aufgeht. SolcheFlämmlein pflegen immer Heller zu werden, jelänger man hinschaut. Meinst du, daß einguter Weidmann, der auch nur das Ohr einesRehes in einem Busch ist gewahr worden/ rasteund ruhe, er hab' es denn? Wer erfindet, setzt

Vorhandnes auf neue Art und Weise zusammen.Wie du nun zusammensetzest, und was zuletzt,35 hast du's bewerkstelligt, vor ein Zweck, Ziel undAbsicht daraus hervorblicken, das ist's eben, wor-auf es dabei gar sonderlich ankommt. Das istnun eine große Schwierigkeit, und ist selbigekein solcher Knoten, da du nur könntest drein40 hau'n, und das Ding wäre dann gelban; istein Knoten, den du lösen mußt, oder dich liebergar nicht mit selbigem befassen. Denn, wiegesagt ist, das Dreinhau'n frommet da nicht.Sind manche Zusammensetzungen, haben wenige45 und große Stück; müssen solche haben, weil'sZweck und Absicht also erheischen: sind wiederandre Zusammensetzungen, haben viele Stück,kleine und große; müssen sie haben, aus ge-nannter Ursach'- Sind aber auch solche, dieSO nichts nicht haben, denn lauter kleine Stück -gebe keinen Pfifferling drum, angesehn sie un-tauglich Werk sind.

II. Für stunge Dichter.

Dreierlei vor allen Dingen, sagte ein Zunft- 60ältester zu einem Jünglinge, der ihm seine Nei-gung zur Dichtkunst gestanden hatte. Unter-such u n g d e s M e n s ch e n, V o r ü b u n g e n und

Sprachkenntniß. Wenn du den Menschennicht kennst, wie er gewöhnlich ist, und wie er 65seyn könnte, und selten ist: so weißt du wederaus noch ein, wenn nun Noth an den Manngeht, das heißt, wenn du den rechten, den vor-züglich, oder bisweilen allein wirkenden Punkt

^' tiner Vorstellung treffen sollst. Doch diese^'bpsuchung erfordert Jahre; und du kannst,eh du sie vollendet hast, Vorübungen machen.» Von Lorübungen hab' ich noch nie et -was gehört." Es ändert bei der Sache nichts,daß du jetzo das erstemal davon hörst. Zeichnetder künftige Maler nicht die Glieder des mensch-liche» Leibes einzeln, und die, bei denen es ihmam wenigsten gelingt, wohl hundertmal, eh' ersich an die ganze edle Gestalt wagt? Und hat