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er etwa Unrecht, daß er es thut? Und sollsich vielleicht der künftige Dichter deßwegen nichtverüben, weil seine Kunst schwerer ist? Diegrammatische Richtigkeit der Sprache inne haben,macht den kleineren und leichteren Theil der 5Sprachkennrniß aus. Versteh' mich ja recht.
Ich sage dieß nur in Lerglcichung mit demgrößeren und schwereren. Denn an sich selbstist er weder klein noch leicht. Bei der eigent-lichen und vorzüglichsten Sprachkenntniß kommt 10es darauf an, daß man die Bedeutungen derWörter in ihrem ganzen Umfange wisse.Dieser begreift unter andern den Sinn in sich,den ein Wort, in oer oder jener Verbindungder Gedanken, auch haben kann. Umfang setzt 15Gränzen. Du mußt also auch wissen, was einWort nicht bedeuten könne. Manche Wörterwimmeln lich rede besonders von unsrer Sprachejvon vielfachen Bestimmungen der Hauptbedeu-tung odev Hauptbedeutungen; manche haben 20überdieß eine gewisse Biegsamkeit, noch neueBestimmungen anzunehmen, vorausgesetzt, daßdie Stelle, wo sie stehen, es erfordre oder wenig-stens zulasse. Diese neuen Bestimmungen sindoft nur kleine, sanfte Schattirungcn; aber so 25klein sie sind, so gehören sie doch mit zur Dar-stellung. Ohne sie mangelt ihr etwas; sie istnoch nicht ganz vollendet. Wie wenig verstehtalso der von der Sprache, und was kann erdarstellen, der nicht einmal die Haupibcdeu- 30tungen der Winter recht kennt! Ein Maler,der blau und roth nicht von einander unter-scheiden könnte, läßt sich zwar nicht denken, unddoch gleicht ihm derjenige Dichter, dem es anjener Kenntniß fehlt. Zu den vielfachen Be- 35stimmungen der Hauptbedeutungen gehört auchsanfter und starker Klang, langsame und schnelleBewegung der Wörter, ja sogar die verschiedeneStellung dieser Bewegungen. Wie soll ihm aber(mich däuchr du fragst mich das) ein Mann 40thun, dessen Sprache ihm zu solchen Bemer-kungen wenigen oder keinen Anlaß gibt, unddie nicht einmal Wörter genug hat, geschweigedenn viele von starker, reicher und vielseitigerBedeutung? Allein was geht uns denn dieser 45Mann an? Meinet- und dcineihalben mag erso viel er nur immer will und kann in Prosaschreiben, und es so oft und lange, als es ihmgefällig ist, Poesie nennen. Doch wenn sol-cher Mann nun endlich zu der Einsicht 50kommt, wie es, in Beziehung auf diePoesie, mit seiner Sprache eigentlichbeschaffen ist, was soll er dann an-fangen? Dafür laß du ihn sorgen. Freu'du dich, daß du eine Sprache hast, die der 55griechischen nicht nur frei unter die Augen tre-ten, sondern die ihr auch wohl diese und jeneFrage thun darf.
Man macht sich von dem, was die Spracheausdrücken kann, keinen richtigen Begriff, wenn 60man sie sich, auf der einen Seite, durch Buch-staben bezeichnet; und auf her andern, von derAction des Redenden begleitet, vorstellt. Dereigentliche Umfang der Sprache ist das, was
man, ohne den Redenden zu sehn, höret. Manhört aber Töne, die Zeichen der Gedanken sind,durch die Stimme so gebildet, daß Vieles vondieser Bildung nicht gelehrt werden kann, son-dern vorgesagt werden muß, um gelernt zuwerden. Die unlehrbare Bildung der Tönebegreift besonders das in sich, was das Sanfteoder Starke, das Weiche oder Rauhe, das Lang-same und Langsamere, oder das Schnelle undSchnellere dazu beitragen, daß die Töne völligzu solchen Gedankenreichen werden, als sie seynsollen. Man höret ferner mit dieser Tonbildungeine andre, die, in sehr viele» und sehr seinverschicdnen Graden, Leidenschaft ausdrückt. Diesezweite Tonbildung ist Allen ein Geheimniß, de-nen ihr Gefühl nichts darüber sagt. Sie hatsogar mehr Schartirung'cn, als derGesang. Nur der declamirt gut, dem diesedoppelte Tonbildung gelingt. Wer Dichter wer-ben will, kann von dem guten Declamatormehr als Eine Sache lernen. 1) Die Wir-kungen des Wohlklangs. Sogar rauheTöne gehören, wenn sie der Inhalt erfordert,mir zum Wohlklauge. Cvnthius zupfe dich beimOhre, wenn du einen Trieb bei Dir fühlst, dieseAnmerkung zu mißbrauchen. 2) Die Wir-kung des Svlbenmaßes. Aber hier hatmancher sonst vortreffliche Declamator noch selbstzu lernen. Da es so wenig ist, was er zulernen hat, so ist es merkwürdig, daß er esnoch nicht weiß. Wir müssen bei ihm voraus-setzen, daß er seine Sprache und also auch ihrToninaß kenne. Dieß also vorausgesetzt, so hater gar nichts weiter zu thun, als die Längengenug und recht hören zu lassen. Rechtläßt er aber die Längen nicht eher hören, alsbis der Zuhörer die Verschiedenheiten der-selben, die durch die Dehnung, und, im ab-gebrochnen Tonkalte, durch die Zahl undBeschaffenheit der Mitlaute, entstehst, bemerkenkann- Geschieht dieses, so erfolgt alles Uebrigevon selbst, und der Rhythmus fängt auf ein-mal an zu tanzen. Mehr oder weniger Schnel-ligkeit, oder auch mehr oder weniger Langsam-keit entstehn von selbst aus der rechten Ton-bildung der Leidenschaft. 3) Wie viel dieWörter ausdrücken können. Man halteoft einem Worte so viel Ausdrückendesnicht zugetraut, als man durch die vollegedoppelte Tonbildung der Declamation hört.4) Was die Wörter nicht ausdrückenkönnen. Der Declamator sieht wohl, wasder Dichter hat sagen wollen, er sucht ihmauch, ob er es gleich nicht gesagt hat, fort-zuhelfen. Da er aber nichts Gezwungenes thundarf, und das vorkommende Wort nun einmalnicht gut gewählt ist, so muß er es wenigstensin einem gewissen Grade fallen lassen. DiesesFallenlassen des Deklamators kann manchesLicht in der Wortkenntniß geben. „Du hastmich ein wenig erschreckt; aber ich willlernen, und ich freue mich,daß ich einesolche Sprache zu lernen habe."