109
Friedrich Gottlieb Klopstock.
110
wird nicht mit auf die Wagschale gelegt, wennes aus Entscheidung ankamt. „
Da ich diese Grammatik vornämlich für dieschreibe. die nur unsere Sprache wissen, oderwenn sie auch ausländische verstehen, diese allemdurch die Uebung gelernt haben; so habe ichwich wenig darum zu bekümmern, was Andredazu sagen werden, daß die Kunstwörter, welcheich brauche, deutsch sind. Ich wil also auchssur mit denen, für die ich vornämlich schreibe,ein Paar Worte über diese Sache reden. Wenndiese ein deutsches Kunstwort lesen, so verstehenste es gleich beym ersten Anblicke, wenigstensbis auf einen gewissen Grad, und verstehen esvöllig, sobald sie es noch ein paarmal ange-troffen haben. Man sieht, daß ich gut gemachteKunstwörter vorausseze. iOb es die mcinigensind, darüber habe ich nicht zu entscheiden.) Wemsolte es undeutlich seyn, wenn ich zum Exempelsagte aus Strom wird Ströme, und sangaus singen, durch den Umlaut? Wenn ausaa, aus o L, und aus u ü wird, als Kraftfloß flösse, Fluß Flüsse, so istver Umlaut bestimt: und wird aus irgendemem Selbstlaute irgend ein anderer, als kom-?"n, kam; laufen, lief; fliehen, floh;l?ist der Umlaut unbestimt? wem undeut-«ch, wenn ich sagte: Lag wird in Tages,f^age. Tagen, umgeendet? Ich köntebtwa fortfahren: wir haben so und sottrnendungen der Hauptwörter süber^ upttvörter hätte ich mich dann vorher schonbi« art>, und es ist sonderbar, daß wir seit Bö-?>ele Grammatiken geschrieben, und° keiner die Zahl jener UmwendungenMtsezt haben. Mich beucht, ich kann schonletzt fragen, ob man diese und ähnliche Kunst-wörter nur so eben im Vorbeygehen bemerken,und sie dadurch lernen, oder ob man sich dar-auf einlassen wolle, die lateinischen Kunstwörterdem Gedächtnis mühsam einzuprägen, und dieErklärungen derselben, die nur selten kurz seynkönnen, auszuhören? Denn man will denndoch wol mit dem fremden und daher schwer zubehaltenden Schalle auch Begriffe verbinden. Ichhabe gesagt, daß die Erklärungen der lateinischenKunstwörter nur selten kurz seyn können. DieUrsache davon liegt in ihrer Beschaffenheit. Siesind nämlich oft weit hergeholt und haben zuallgemeine Begriffe, als daß sie das Ding, wo-von die Rede ist, , genau bestimmen sollen; bis-weilen sind sie sogar widersinnig. Was wir,wenn z. E. die Umendung ist des Stromes,wie mir es vorkömt, der Sache gemäß Ver-kürzung nennen könten ies ist offenbar Ver-kürzung, wenn man z. E. der Zweig des Bau-mes sagt. Denn könte man nicht so umenden:so meiste man sagen: Der Zweig, den der Baumhat, der auf dem Baume wächst, oder welcheverlängernde Redensart man sonst wählen walte)— was wir Verkürzung nennen könten, dasnennt man im Lateinischen Oenitivus oasus,oder Aeugeendung auf eine sehr weit hergeholteArt. Lateinische Kunstwörter sind ferner: in-dioativus Modus, oder anzeigungsweise; oon-sunvtivus wvdus, Verbindungsweise: impera-tivus Modus, befehlsweise; und intinitivusmodus, auf unbestimte Weise. Das, wovonHeer geredet wird, ist, durch diese Kunstwörter,
befehlsweise ausgenommen, so ziemlich ins Weitehin angedeutet worden. Wenn ich es nicht fürüberflüssig hielte, bei dem Zeitworte, außerdemBegriffe der Zeit, noch etwas anders zu be-5 stimmen; so würde dieses Andre dasjenige nichtseyn, was die lateinischen Grammatiker undihre Nachsprechet- gewählt haben.
Ein lateinisches Kunstwort ist auch xemismmtrum, oder keines von beiden Ge-ll) schlechtcrn. Aber das Wort Geschlecht kannja hier dem Begriffe nach gar nicht mehr stattfinden. Ich habe daher die Hauptwörter inmännliche, weibliche und geschlechtlose ab-getheilt.
15 Wer diese Kunstwörter den deutschen vor-zöge, müste, ausser den angeführten, noch viele,die ihnen ähnlich sind, lernen. Dazu komt nunnoch, daß eine deutsche Grammatik, in welcherdie fremden Kunstwörter gebraucht würden, den-20 noch nicht ganz ohne deutsche seyn könte. Dennfürs erste haben diese alten Grammatiker verschied-nes nicht untersucht, was sie hätten untersuchensollen; man müste also noch einige Kunstwörtermehr haben, als man bei ihnen antrift; fürs25 zweyte erfordert das Eigenthümliche unsrerSprache einige, die in den lateinischen Gram-matiken nicht vorkommen könten. Also latei-nische und deutsche Kunstwörter durch einander,ein Gemisch, das mir wenigstens sehr widrig30 vorkomt. Ich hoffe, daß ich die, für welche ichschreibe, auf meiner Seite habe. Diejenigen,denen die fremden Kunstwörter durch langeAngewönung geläufig sind, können von dieserSache nicht unparteyisch urtheilen, wenn sie sich35 nicht an die Stelle derer sezen, welche dieseKunstwörter nun erst in spätern Jahren, undohne die geringste .Kentnis des Lateins, vielmühsamer lernen wüsten, als sie dieselben infrüheren, mit dem Lateine zugleich, gelernt haben.40 Ich habe für den Gebrauch deutscher Kunst-wörter noch Einen Grund, der, wie ich hoffe,nicht zu wenigen stark vorkommen wird, ob esgleich noch jetzo, gegen das Ende des achtzehntenJahrhunderts, so lange nach Luthern! Leute45 unter uns giebt, die es noch nicht einmal wis-sen, daß wir eine Sprache haben, und sie daherdie hochdeutsche Mundart nennen; diesermein Grund ist, daß es lächerlich seyn würde,wenn wir von unserer Sprache nicht in un-50 serer Sprache schreiben woltcn.
Von der Rechtschreibung. Wenn wirdie unsrige mit der englischen oder französischenvergleichen, so ist sie vortrefflich, wir schreibenz. E. nicht o auch durch au und aux und55 eau und eaux <wie barbarisch würde das denFranzosen bey emer andern Nation vorkom-men .) aber, ohne diese Bergleichung, ist siefehlerhaft. Der Begrif einer gutenRechtschreibung kan kein andrer seyn, als nur60 das, was man hört, aber auch alles, wasman hört, zu sezen. In vollkommner hört-n. Ein m nicht; in nur und
schon ist die Dehnung des u und o unbczeich-net geblieben. Wir bezeichnen jezt die Dehnung65 bald durch ein h und bald durch die Verdop-lung der Selbstlaute, i ausgenommen, dessenDehnung wir durch ein dabey gescztcs e aus-drücken. Aber oft lassen wir diese Bezeichnun-gen, das e ausgenommen, weg. Sich darüber