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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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113-114
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Johann Joachim Winckelmann.

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von dem, was wirklich ist; ein Maler kann aufdiese mechanische Art eine Madonna bilden, diestch sehen laßt, und ein Professor sogar eureMetaphysik schreiben, die tausend jungen Leutengefallt. Die Fähigkeit des Künstlers zu denkenaber kann sich nur in oft wiederholten Vor-stellungen, so wie in eigenen Erfindungen/ zei-gen. Denn so wie ein einziger Zug die Bildungdes Gesichts verändert, so kann die Andeutungewes einzigen Gedankens, welcher sich in derKichiung eines Gliedes äußert, dem Borwurfeeme andere Gestalt geben, und die Würdigkeitdes Künstlers darthun. Plato in RaphaelsSchule von Athen rühret nur den Finger, under saget genug; und Figuren vom Zucchari sagensvenrg mit allen ihren verdrehten Wendungen.Qenn, wie es schwerer ist, viel mit wenigem"Weizen, als es das Gegentheil ist, und der^tchtrge Verstand mit wenigem mehr als mit vie-lem zu wirken liebet: so wird eine einzelne Figur°er Schauplatz aller Kunst eines Meisters seynrönnen. Aber es würde den mehresten KünstlernGebot seyn, eine Begeben-, V Us einer einzigen oder in ein paar Figuren,v dieses in groß gezeichnet, vorzustellen, alseinem Scribenten seyn würde, zum Versuchr / Lanz kurze Schrift aus eigenem Stoff ah-nen b"' denn hier kann beider Blöße erschei-dok- hch in der Vielheit verstecket. Ebenüb?^ ßstben fast alle angehende und sich selbstvon ?'htne junge Künstler mehr, einen Entwurf»u m^"" Haufen zusammengestellter Figuren^chen, als eine einzige völlig auszuführen.

Da

«".""".das wenige, mehr oder geringer, dennier,q,xd Künstlern machet, und das

Unwirkliche ein Borwurf denkender em-Pllndlicher Geschöpft ist-, das viele und handgreis-aber schlaffe Sinne und einen stumpfen^erstand beschäftiget: so wird der Künstler,der sich Klugen zu gefallen begnüget, irn Em-zeinen groß und im Wiederholten und Besann-en mannigfaltig und denkend erscheinen können,--tch rede hier wie aus dem Munde des Alter-thums : Dieses lehren die Werke der Alten,und es würde ihnen ähnlich geschrieben undgebildet werden, wenn ihre Schriften wie ihreBilder betrachtet und untersuchet würden.

Der Stolz in dem Gesichte des Apolloäußert sich vornehmlich in dem Kinn und in derUnterlesze, der Zorn in den Rüstern seinerNase, und die Verachtung in der Oefnung desMundes; auf den übrigen Theilen dieses gött-lichen Haupts wohnen die Grazien, und dieSchönheit bleibet bei der Empfindung unver-mischet und rein, wie die Sonne, deren Bilder ist. Im Lavcovn siehest du bei dem Schmerzden llnmuth, wie über ein unwürdiges Leiden,in dem Krausen der Rase, und das väterlicheMitleiden aus den Augapfeln wie einen trübenDuft schwimmen. Diese Schönheiten in einemeinzigen Drucke sind wie ein Bild in einemWorte beym Homerus; nur der kann sie finden,welcher sie kennet. Glaube gewiß, daß deralten Künstler so wie ihrer Weisen Absicht war,mit wenigem viel anzudeuten. Daher lieget derVerstand der Alten tief in ihren Werken; inder neueren Welt ist es mehrentheils wie beiverarmten Krämern, die alle ihre Waare aus-stellen. Homerus giebt ein höheres Bild, wenn

Kurz, Pros «lt.

alle Götter sich von ihrem Sitze erheben, daApollo unter ihnen erscheinet, als Callimachusmit seinem ganzen Gesänge voller Gelehrsamkeit.Ist ein Vorurtheil nützlich, so ist es die Ueber-5 zeugung von dem, was ich sage; mir derselbennähere dich zu den Werken des Alterthums, inHoffnung viel zu finden, so wirst du viel suchen.Aber du mußt dieselben mit großer Ruhe be-trachten ; denn das Viele im Wenigen, und die10 stille Einfalt wird dich sonst »»erbauet lassen,wie die eilfertige Lesung des ungeschmücktengroßen Lenophon.

Gegen das eigene Denken setze ich das Nach-machen , nicht die Nachahmung: unter jenem15 verstehe ich die knechtische Folge; in dieser aberkann das Nachgeahmete, wenn es mit Vernunftgesühret wird, gleichsam eine andere Natur an-nehmen, und etwas eigenes werden. Domeni-chino, der Maler der Zärtlichkeit, hat die Köpfe20 des sogenannten Alexanders zu Florenz, undder Niobe zu Rom, zu Mustern gewählet; siesind in seinen Figuren zu erkennen (Alexanderin Johannes zu St. Andrea della Balle inRom, und Niobe in dem Gemälde des Tesoro25 zu St. Gennaro in Neapel,) aber doch sind sienicht eben dieselben. Auf Steinen und Münzenfindet man sehr viele Bilder aus Poussins Ge-mälden ; Salomon in seinem Urtheil ist derJupiter auf macedonischen Münzen; aber sie30 sind bei ihm wie eine versetzte Pflanze, die sichverschieden vom ersten Grunde zeiget.

Nachmachen ohne zu denken ist, eine Ma-donna vom Maratta, einen H. Joseph vomBarocci, und andere Figuren anderswo neh-35 men und ein Ganzes machen, wie eine großeMenge Altarblätter auch in Rom sind: einsolcher Maler war der kürzlich verstorbene be-rühmte Masucci zu Rom. Nachmachen nenneich ferner, gleichsam nach einem gewissen For.40 mular arbeiten, ohne selbst zu wissen, daß mannicht denket. Bon diesem Schlage ist derjenige,welcher für einen Prinzen die Vermählung derPsyche, die ihm vorgeschrieben wurde, verfer-tigte. Er hatte vermuthlich keine andere ge-45 sehen, als die vom Raphael in klein Farnese;die seinige könnte auch eine Königin aus Sabaseyn. Die mehresten letzten großen Statuender Heiligen in St. Peter zu Rom sind vondieser Art: große Stücke Marmor, welche un-50 gearbeitet jedes 500 Scudi kosten. Wer einesiehet, hat sie alle gesehen.

Das zweyte Augenmerk bey Betrachtungder Werke der Kunst soll die Schönheit seynDer höchste Vorwurf der Kunst für denkende55 Menschen ist der Mensch, oder nur dessen äußereFlache, und diese ist für den Künstler so schwerauszuforschen, wre von den Weisen das Inneredesselben, und das schwerste ist, was es nichtscheinet, die Schönheit, weil sie, eigentlich zu60 reden, nicht unter Zahl und Maaß fällt. Ebendaher ist das Verständniß des Verhältnisses desGanzen, die Wissenschaft von Gebeinen undMuskeln nicht so schwer und allgemeiner alsdie Kenntniß des Schönen; und wenn auch das65 Schöne durch einen allgemeinen Begriff könntebestimmet werden, weiches man wünschet undsuchet, so würde sie dem, welchem der Himmeldas Gefühl versaget hat, nicht helfen. DasSchöne bestehet in der Mannigfaltigkeit im8