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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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115-116
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Johann Joachim Winckelmann.

Einfachen; dieses ist der Stein der Weisen, dendie Künstler zu suchen haben, und welchenwenige finden: nur der verstehet die wenigenWorte, der sich diesen Begriff aus sich selbstgemachet hat. Die Linie, die das Schöne be-schreibet, ist elliptisch, und in derselben ist dasEinfache und eine beständige Veränderung: dennsie kann mit keinem Zirkel beschrieben werden,und verändert in allen Punkten ihre Richtung.Dieses ist leicht, gesager, und schwer zu lernen:welche Linie, mehr oder weniger elliptisch, dieverschiedenen Theile zur Schönheit formet, kanndie Algebra nicht bestimmen; aber die Altenkenneten sie, und wir finden sie vom Menschenbis auf ihre Gesäße. So wie nichts Zirkel-förmiges am Menschen ist, so macht auch keinProfil eines alten Gefäßes einen halben Zirkel.

Wenn von mir verlanget würde, sinnlicheBegriffe der Schönheit zu bestimmen, welchessehr schwer ist; so würde ich, in Ermangelungalter vollkommener Werke oder deren Abgüsse,kein Bedenke» tragen, dieselbe, nach einzelnenTheilen von den schönsten Menschen genommen,an dem Orte, wo ich schriebe, zu bilden. Danun dieses itzo im Deutschen nicht geschehenkann; so müßte ich, wen» ich lehren wollte,die Begriffe der Schönheit Verneinungsweise michanzudeuten begnügen: ich müßte mich aber ausMangel der Zeit auf das Gesicht einschränken.

Die Form der wahren Schönheit hat nichtunterbrochene Theile. Auf diesen Satz gründetsich das Profil der alten jugendlichen Köpfe,welches nichts Linealmäßiges, auch nichts Ein-gebildetes ist; aber es ist selten in der Statur,und scheinet sich noch seltener unter einem rau-hen, als glücklichen Himmel zu finden: es be-stehet in der sanftgesenkten Linie von der Stirnbis auf die Nase. Diese Linie ist der Schönheitdermaßen eigen, daß ein Gesicht, welches, vonvorne gesehen, schön scheinet, von der Seileerblicket, vieles verlieret, je mehr dessen Profil' von der sanften Linie abweichet. Diese Liniehat Bernini, der Kunstverderbcr, in sxinemgrößten Flor nicht kennen wollen, weil er siein der gemeinen Natur, welche nur allein seinÄorwurf gewesen, nicht gefunden, und seineSchule folget ihm. Aus diesem Satze folgetferner, daß weder das Kinn noch die Wangen,durch Grübchen unterbrochen, der Form der wah-ren Schönheit gemäß seyn können: es kann alsoauch die Medizeische Venus, die ein solches Kinnhat, keine hohe Schönheit seyn; und ich glaube,daß ihre Bildung von einer bestimmten schönenPerson genommen ist, so wie zwo andere Venusin dem Garten hinter dem Pallast Farnese offen-bare Porrrätköpse haben.

Die Form der wahren Schönheit hat dieerhobenen Theile nicht stumpf, und die gewöl-beten nicht abgeschnitten; der Augenknochen istprächtig erhaben, und das Kinn völlig gewölbet.Die besten Künstler der Alten haben daher das-jenige Theil, auf welchem die Augenbraunenliegen, scharf geschnitten gehalten, und in demVerfalle der Künste im Alterthume, und in demVerdcrbniß neuerer Zeiten, ist dieses Theil rund-lich und stumpf vertrieben, und das Kinn istinsgemein zu kleinlich. Aus dem stumpf gehal-tenen Augenknochen kann man unter andernurtheilen, daß der berühmte, fälschlich soge-

nannte, Antinous im Belvedere zu Rom nichtaus der höchsten Zeit der Kunst seyn kann, sowenig wie die Venus. Dieses ist allgemeingesprochen von dem Wesentlichen der Schönheit5 des Gesichts, welches in der Form bestehet: dieZüge und Reizungen, welche dieselbe erhöhen,sind die Grazie, von welcher besonders zu han-deln ist. Aber ich merke, daß ich meinen Vor-satz überschreite, welchen mir die Kürze der Zeit1» und meine überhäufte Arbeit setzen; ich will^hier kein System der Schönheit, wenn ich auchkönnte, schreiben.

Eine männliche Figur hat ihre Schönheitwie eine jugendliche; aber da alles einfache15 Mannigfaltige in allen Dingen schwerer ist, alsdas Mannigfaltige an sich; so ist eben deswegeneine schöne jugendliche Figur groß zu zeichnen(ich verstehe in dem möglichen Grade der Voll-kommenheit) das schwerste. Die Ueberzeugung2t) ist für alle Menschen auch von dem Kopfe allein.Nehmet das Gesicht der schönsten Figur inneueren Gemälden, so werdet ihr fast allezeit einePerson kennen, die schöner ist: ich urtheilenach Rom und Florenz, wo die schönsten Ge-25 mälde sind.

Ist ein Künstler mit persönlicher Schönheit,mit Empfindung des Schönen, mit Geist undKenntniß des Alterthums, begäbet gewesen, sowar es Raphael; und dennoch sind seine Schön-50 Heiken unter dem Schönsten in der Natur. Ichkenne Personen, die schöner sind als seine un-vergleichliche Madonna im Pallast Pitti zu Flo-renz, und als Alzibiades in der Schule vonAthen: die Madonna des Correggio ist keine35 hohe Idee, noch die vom Marakta in der Gal-lerte zu Dresden, ohne Nachtheil von den ur-sprünglichen Schönheiten in der Nacht deserster» zu reden: die berühmte Venus vomTizian in der Tribune zu Florenz ist nach der40 gemeinen Natur gebildet. Die Köpfe kleinerFiguren vom Albano scheinen schön; aber vomKleinen ins Große zu gehen, ist hier fast, alswenn man, nach Erlernung der Schiffkunst ausBüchern, die Führung eines Schiffes im Ocean45 unternehmen wollte- Poussin, welcher das Alter-thum mehr als seine Vorgänger' untersucht, hatsich gekannt, und sich niemals ins Große ge-wager.

Die Griechen aber scheinen Schönheiten ent-50 warfen zu haben, wie ein Topf gedrehet wird:denn fast alle Münzen ihrer freyen Staatenzeigen Köpfe, die vollkommener sind von Form,als was wir in der Natur kennen, und dieseSchönheit bestehet in der Linie, die das Profil55 bildet. Sollte es nicht leicht scheinen, den Zugdieser Linie zu finden? Und in allen Münz-büchern ist von derselben abgewichen. Hättenicht Raphael, der sich beklagte, zur Galateekeine würdige Schönheit in der Natur zu finden,60 die Bildung derselben von den besten Syracu-sanischen Münzen nehmen können, da die schön-sten Statuen, außer dem Laocoon, zu seinerZeit »och nicht entdecket waren? Weiter, alsdiese Münzen, kann der menschliche Begriff65 nicht gehen, und ich hier auch nicht. Ich mußdem Leser wünschen, den Kopf des schönen Geniiin der Villa Borghese, die Niobe und ihreTöchter, die Bilder der höchsten Schönheit zusehen: außer Rom müssen ihn die Abgüsse oder