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Johann Joachim Winckolmann.
die geschnittenen Steine lehren- Zween der in den Figuren Christi, St. Peters und der
schönsten jugendlichen -Köpfe sind die Minerva Apostel zur rechten Hand, und an der mühsam
von Aspasius iHo zu Wien, und ein jugcnd- vertriebenen Arbeit des Giulio Romano an eini-
licher Herkules in dem Stoschischen Museo zu gen Figuren zur Linken. Bewundere niemals,
Florenz. Wer die besten Werke des Alterthums 5 weder am Marmor die glänzende sanfte Ober-nicht hat kennen lernen, glaube nicht zu wissen, haut, noch an einem Gemälde die spiegelnde
was wahrhaftig schön ist; unsere Begriffe wer- glatte Fläche; jene ist eine Arbeit die dem
den außer dieser Kenntniß einzeln und nach Tagelöhner Schweiß gekostet hat, und diese dem
unserer Neigung gebildet seyn; von Schönheiten Maler nicht viel Nachsinnen. Der Apollo des
neuerer Meister kann ich nichts vollkommeners 10 Bcrninl ist so glatt, wie der im Belvedere, undangeben, als die griechische Tänzerinn von, eine Madonna vom Trcvisano ist noch viel flelßl-
Herrn, Mcnqs, groß wie die Natur, halbe ger, als d,e vom Correggio gemalet. Wo Starke
8>gur, in Pastel auf Holz gemalet, für den der Arme und Fleiß in der Kunst gilt, hat das
Marquis Croimare zu Paris Altertbum nichts vor uns voraus: auch der
Daß die Kenntniß der wahren Schönheit in 15 Porphyr kann eben so gut bearbeitet werden,Beurtheilung der Werke der Kunst zur Regel wie vor Alters, welches viele unwissende Scn-
dienen kann, bezeugen die mit großem Fleiße benten läugnen und zuletzt C lar e n o ° s
uach alten geschnittene» Steinen gearbeiteten einem Buche, dessen Uebersetzung den Deutschen
neueren Steine. Natter hat sich gewaget, keine Ehre mache -
d°n angeführten Kopf der Minerva in gleicher 20 D.e größere Glatte an Figuren t.efgeschntt-Größe und kleiner zu copiren, und dennoch hat tener alter Steine >st n-cht das Geheim»,ß,
" die Schönheit der Form nicht erreichet: die welches Masse, der Welt zum Besten m,t-
Nase ist um ein Haar zu stark, das Kinn ist theilend entdecken will, wodurch sich die Arbeit
iu platt, und der Mund schlecht; und eben so eines allen Künstlers rm Ste,„schneiden von den
verhält es sich mit anderen Nachahmungen in 25 Neuern unterscheidet : unsere M-ist-r -n ihred'eser Art. Gelinget es den Meistern nicht, Kunst haben die Glatte so hoch als die Altenwas ist von Schüler» zu hoffen, und was könnte getrieben; die Glatte der Ausarbeitung ist >me
wan sich von selbst entworfenen Schönheiten ver- die feine Haut >m Gesichte, die allein nicht
'Buchen? Ich will nicht die Unmöglichkeit so schön machet.
S«r der einfachen Nachahmung alter Köpfe 30 Ich tadle dadurch nicht die G atte eineraraus zu erkennen geben; aber es muß solchen Statue, da sie zur^ Schönheit viel beytragt,
Künstlern irgend wo fehlen: Rätters Buch von ohnerachtet ich sehe, daß die Alten das Geheim-
Seschn,treuen Steinen zeiget nicht viel Einsicht niß erreicht haben, eine Statue bloß mit dem
°°r alten Kunst auch in der einzigen Art, die Eisen auszuarbeiten, wie am Laocoon geschehen
er allein getrieben, welches künftig kann dar- 35 ist- Es ist auch in einem Gemälde die Sauber-gethan werden. keit des Pinsels ein großer Werth desselben;
Die eigene Ueberzeugung von der schwer zu dieses muß aber von Verschmelzung der Tinten
erreichenden Schönheit der Alten ist daher eine unterschieden werden; denn eine baumrmden-
°er vornehmsten Ursachen von der Seltenheit mäßige Fläche einer Statue würde so unan-
vntergeschobener griechischer Münzen in der be- 40 genehm seyn, als ein bloß mir Borstpinselnste» Zeit: eine 'falsche neue Münze, die in ausgeführtes Bild, sowohl in der Nähe als in
griechischen freyen Staaten gepräget ausgegeben der Ferne. Man muß mit Feuer entwerfen
würde, wäre gegen eine jede ächte zu entdecken. und mit Phlegma ausführen. Meine Meinung
Unter den Kaiserlichen Münzen ist der Betrug geht auf solche Arbeiten, deren größtes Verdien,!
leichter gewesen -. die zu allen Münzen geschickt- 45 der Fleiß allein ist, wie die aus der Bernmischentenen Siempel des berühmten Padovano sind Schule in Marmor, und die von Denner, Sey-
im Museo Barberini zu Rom, und die vom bold und ihres Gleichen auf Leinewand.
Michel, einem Franzosen, der diese Kunst zu Mein Leser! Es ist diese Erinnerung nöthig.
Florenz getrieben, sind in dem Stoschischen Denn da die mehresten Menschen nur an der
Museo. 50 Schale der Dinge umhergehen; so ziehet auch
Was zum dritten die Ausarbeitung eines das Liebliche, das Glänzende, unser Auge zuerst
Werks der Kunst im engern Verstände, nach an, und die bloße Warnung für Irrungen, wie
dessen geendigtem Entwürfe, betrist: so ist der hier nur geschehen können, machet den ersten
Fleiß in derselben zu loben, aber der Verstand Schritt zur Kenntniß,zu schätzen. Die Hand des Meisters erkennet 55 Ich habe überhaupt in etlichen Jahren mei-sich, so wie in der Schreibart an der Deut- nes Aufenthalts in Italien eine fast tägliche
Uchkeit und kräftigen Fassung der Gedanken, Erfahrung, wie sonderlich junge Reisende von
also in der Ausarbeitung des Künstlers an der blinden Führern geleitet werden, und wie nüch-
Freyheit und Sicherheit der Hand. Auf der lern sie über die Meisterstücke der Kunst Hin-
Verklärung Christi vom Raphael siehet man die 60 flattern. Ich behalte mir vor, einen ausführ-licheren und freyen Züge des großen Künstlers sicheren Unterricht hierüber zu ertheilen.
II. von der Grazie in Werken der Kunst.
Die Grazie ist das vernünftig Gefälligeist ein Begriff von weitem Umfange, wt
sich auf alle Handlungen erstrecket. Die Grazieist ein Geschenk des Himmels, aber nicht wie