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Johann Joachim Winckclmann. 120
die Schönheil: denn er ertheilet nur die An-kündigung und Fähigkeit zu derselben. Siebildet sich durch Erziehung und Ueberlegung,und kann zur Natur werden, welche dazu ge-schaffen ist. Sie ist ferne vorn Zwange undgesuchten Witze; aber es erfordert Aufmerksam-keit und Fleiß, die Natur in allen Handlungen,wo sie sich nach eines jeden Talent zu zeigenhat, auf den rechten Grad der Leichtigkeit zuerheben. In der Einfalt und in der Stille derSeele wirket sie, und wird durch ein wildesFeuer und in aufgebrachten Neigungen ver-dunkelt. Aller Menschen Thun und Handelnwird durch dieselbe angenehm, und in einemschönen Körper herschet sie mit großer Gewalt.Tenophon war mir derselben begäbet, Thucydi-des aber hat sie nicht gesucher. In ihr bestundder Vorzug des Apellcs, und des Correggio inneueren Zeiten, und Michel Angelo hat sienicht erlanget: über die Werke des Alterthumsaber hat sie sich allgemein ergoßen, und ist auchin dem Mittelmäßigen zu erkennen.
Die Kenntniß und Beurtheilung der Grazieam Menschen und in der Nachahmung desselbenan Statuen und auf Gemälden, scheinet ver-schieden zu seyn, weil hier vielen dachenige nichtanstößig ist, was ihnen im Leben mißfallenwürde. Diese Verschiedenheit der Empfindunglieget entweder in der Eigenschaft der Nach-ahmung überhaupt, welche desto mehr rühret,je fremder sie ist, als das Nachgeahmete, odermehr an ungeübten Sinnen und am Mangelöfterer Betrachtung, und gründlicher Verglei-chung der Werke der Kunst- Denn was beyAufklärung des Verstandes, und bey Vortheilender Erziehung, an neueren Werken gefällt, wirdoft nach erlangter wahren Kenntniß der Schön-heiten des Alterthums ekelhaft werden. Dieallgemeine Empfindung der wahren Grazie wärealso nicht natürlich: da sie aber erlanget wer-den kann , und ein Theil des guten Ge-schmacks ist, so ist auch dieser so wie jene zulehren, wider den Verfasser der Briefe über dieEngländer: weil sogar die Schönheit zu lehrenist, obgleich noch keine.allgemeine deutliche Er-klärung derselben bestimmt worden.
Im Unterricht über Werke der Kunst istdie Grazie das Sinnlichste, und zur Ueber-zeugung von dem Vorzüge der alten Werkevor den Neuern giebt sie den begreiflichstenBeweis: mit derselben muß man anfangen zulehren, bis man zur hohen abstrakten Schönheitgehen kann.
Die Grazie in Werken der Kunst gehtnur die menschliche Figur an, und lieget nichtallein in deren Wesentlichem, dem Stande undGebehrden; sondern auch in dem Zufälligen,dem Schmucke und der Kleidung. Ihre Eigen-schaft ist das eigenthümliche Verhältniß derhandelnden Personen zur Handlung: denn sieist wie Wasser, welches desto vollkommener ist,je weniger es Geschmack hat; alle fremde Artig-keit ist der Grazie, so wie der Schönheit nach-theilig. Man merke, daß die Rede von demHohen, oder Heroischen und Tragischen derKunst, nicht von dem komischen Theile der-selben, ist.
Stand und Gebehrden an den alten Figu-ren sind wie an einem Menschen, welcher Ach-
tung erwecket und fordern kann, und der vorden Augen weiser Männer auftritt: ihre Be-wegung hat den nothwendigen Grund des Wir-kens in sich, wie durch ein flüßiges feines Geblüt5 und mir einem sittsamen Geiste zu geschehenpfleget: nur allein die Stellung der Bacchantenauf geschnittenen Steinen ist der Absicht beydenselben gemäß; das ist, gewaltsam. Was vonstehenden Figuren gesaget wird, gilt auch von10 liegenden-
Im ruhigen Stande, wo ein Bein das tra-gende ist, und das andere das spielende, trittdieses nur so weit zurück, als nöthig war, dieFigur aus der senkrechten Linie zu setzen; und15 an Faunen hat man die ungelehrte Natur auchin der Richtung dieses Fußes beobachtet, wel-cher, gleichsam unmerksam auf Zierlichkeit, ein-wärts stehet. Den neuern Künstlern schien einruhiger Stand unbedeutend und ohne Geist;20 sie yücken daher den spielenden Fuß weiter hin-aus, und um eine idealische Stellung zu machen,setzen sie ein Theil der Schwere des Körpersvon dem tragenden Beine weg, und drehen denOberleib von neuem aus seiner Ruhe, und den25 Kopf wie an Personen, die nach einem uner-warteten Blitze sehen. Diejenigen, welchen diesesaus Mangel der Gelegenheit das Alte zu sehen,nicht deutlich ist, mögen sich einen Ritter einerComödie, oder auch einen jungen Franzosen in30 seiner eigenen Brühe, vorstellen. Wo der Raumdiesen Stand der Beine nicht erlaubete, umnicht das Bei», welches nicht träget, müßig zulasse», setzet man es auf etwas Erhabenes, alsein Bild eines Menschen, welcher, um mit35 jemand zu reden, das eine Bein allezeit aufeinen Stuhl setzen wollte, oder um fest zu ste-hen, sich einen Stein unterlegetc. Die Altenwaren dergestalt auf den höchsten Wohlstand, bedacht, daß nicht leicht Figuren mit einem40 Beine über das andere geschlagen stehen, es seydenn ein Bacchus in Marmor, ein Paris oderNireus auf geschnittenen Steinen, zum Zeichender Weichlichkeit.
In den Gebehrden der alten Figuren bricht45 die Freude nicht in Lachen aus, sondern siezeiget nur die Heiterkeit vvm inneren Ver-gnügen ; auf dem Gesichte einer Bacchanteblicket gleichsam nur die Morgenröthe von derWollust auf. In Betrübniß und Unmuth sind50 sie ein Bild des Meers, dessen Tiefe stille ist,wenn die Fläche anfängt unruhig zu werden;auch im empfindlichsten Schmerzen erscheinetNiobe noch als die Heldinn, welche der Latonanicht weichen wollte. Denn die Seele kann in55 einen Zustand gesetzt werden, wo sie von derGröße des Leidens, welches sie nicht fassen kann,übertäubet, der Unempsindlichkeit nahe kommt.Die alten Künstler haben hier, wie ihre Dichter,ihre Personen gleichsam ausser der Handlung,60 die Schrecken oder Wehklagen erwecken müßte,gezeiget, auch um die Würdigkeit der Menschenin. Fassung der Seele vorzustellen.
Die Neuern, welche theils das Alterthumnicht kennen lernen, oder nicht zur Betrachtung65 der Grazie in der Natur gelangt sind, habennicht allein die Natur gebildet, wie sie empfin-det, sondern auch, was sie nicht empfindet.Die Zärtlichkeit einer sitzenden Venus in Mar-mor zu Potsdam, vom Pigalle aus Paris, ist