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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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121-122
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Johann Joachim Winckclmann.

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in einer Empfindung, in welcher ihr das Wafferaus dem Munde, welcher nach Luft zu schnap-pen scheint, laufen will: denn sie soll vor Be-gierde schmachtend aussehen. Sollte man glauben,daß ein solcher Mensch in Rom einige Jahre 5unterhalten gewesen, das Alterthum nachzu-ahmen! Eine Chariras von Bernini an einemder päpstlichen Grabmäler in St. Peter zu Romsoll liebreich und mir mütterlichen Augen aufihre Kinder sehen: es sind aber viel wider- 1»sprechende Dinge in ihrem Gesichte; das Lieb-reiche ist ein gezwungenes sakyrisches Lachen, da-mit ihr der Künstler seine ihm gewöhnlicheGrazie, die Grübchen in den Wangen, gebenkonnte. In Vorstellung der Betrübniß gehet 15es bis auf das Haarausreißen, wie man aufvielen berühmten Gemälden, welche gestochensind, sthxn kann.

Die Bewegung der Hände, welche die Ge-vehrden begleiten, und deren Haltung über- 20Haupt, ist an alten Statuen wie an Personen,d>e von niemand glauben beobachtet zu werden;und ob sich gleich wenig Hände an denselbenerhalten haben, so siehet man doch an Richtungdes Arms, daß die Bewegung der Hand nakür- 25l>ch gewesen ist. Diejenigen, welche die man-gelnden oder zerstümmelren Hände ergänzet,haben ihnen vielmals, so wie an ihren eigenenWerken, eine Haltung gegeben, die eine Personvor dem Spiegel machen würde, welche ihre 30vermeinte schöne Hand denen, die sie bey ihremputze unterhalten, so lange und so oft sie kann,m völligen Lichte wollte sehen lassen. Im Aus-rucke sind die Hände insgemein gezwungen,wie eines jungen Anfängers auf der Kanzel. 35Kassel eine Figur ihr Gewand, so hält sie es,wie Spinnewebe. Eine Nemesis, welche aufalten geschnittenen Steinen gewöhnlich ihr Pe-Plum von dem Busen sanft in die Höhe hält,wurde es in neuern Bilder» nicht anders thun 40können, als mir zierlich ausgestreckten dreyletzten Fingern.

Die Grazie in dem Zufälligen alter Figu-ren, dem Schmucke, und der Kleidung, lieget,wie an der Figur selbst, in dem, was der Na- 45tur am nächsten kommt. An den allerältcstcnWerken ist der Wurf der Falten unter demGürtel fast senkrecht, wie sie an einem dünnenGewände natürlich fallen wird- Mit demWachslhume der Kunst wurde die Mannigfal- 50tigkeit gesuchet; aber das Gewand stellete alle-zeit ein leichtes Gewebe vor, und die Faltenwurden nicht gehäuset, oder hier und da zer-streuet, sondern in ganze Massen vereiniget.Dieses blieben die zwo vornehmsten Beobach- 55langen im Alterthume, wie wir noch an derschönen Flora (nicht der Farnesischen) im Cam-pidoglio, von Hadrians Zeiten, sehen. An Bac-chanten und tanzenden Figuren wurde das Ge-wand zerstreueter und fliegender gearbeitet, 60"" Statuen, wie eine im Pallast Riccardi

Fw«nz beweiset; aber der Wohlstand bliebbemiachtet, und die Fähigkeit der Materie wurdenicht übertrieben. Götter und Helden sind wiean heiligen Orten stehend, wo die Stille woh- 65^s ein Spiel der Winde, odervorgestellet; fliegende und^wandcr suche man sonderlich auf ge-schnittenen Steinen, an einer Atalanta, wo

die Person und die Materie es erforderte underlaubete.

Die Grazie erstrecket sich auf die Kleidung,weil sie mit ihre» Geschwistern vor Alters be-kleidet war, und die Grazie in der Kleidungbildet sich wie von selbst in unserem Begriffe,wenn wir uns vorstellen, wie wir die Graziengekleidet sehen möchten; man würde sie nichtin Gallakleidern, sondern wie eine Schönheit,die man liebele, im leichten Ueberwurf kürzlichaus dem Bette erhoben, zu sehen wünschen.

In neueren Werken der Kunst scheinet man,nach Raphaels und dessen bester Schüler Zeiten,nicht gedacht zu haben, daß die Grazie auch ander Kleidung Theil nehmen könne, weil man,statt der leichten Gewänder, die schweren ge-wählet, die gleichsam wie Verhüllungen derUnfähigkeit das Schöne zu bilden, anzusehensind: denn die Falten von großem Inhalt über-heben den Künstler der von den Alten gesuchtenAndeutung der Form des Körpers unter demGewände, und eine Figur scheinet öfters nurzum Tragen gemachet zu seyn. Bernini undPeter von Cortona sind in großen und schwerenGewändern die Muster ihrer Nachfolger ge-worden. Wir kleiden uns in leichte Zeuge ;aber unsere Bilder genießen diesen Vortheilnicht.

Wenn man geschichtmäßig von der Grazienach Wiederherstellung der Kunst reden sollte;so würde es mehr auf das Gegentheil gehen.In der Bildhauerey hat die Nachahmung eineseinzigen großen Mannes, des Michael Angelo,die Künstler von dem Alterthume und von derKenntniß der Grazie entfernet. Sein hoherVerstand' und seine große Wissenschaft wolltesich in Nachahmung der Alten nicht allein ein-schränken, und seine Einbildung war zu feurigzu zärtlichen Empfindungen, und zur lieblichenGrazie. Seine gedruckten und noch angedrucktenGedichte sind voll von Betrachtungen der hohenSchönheit; aber er hat sie nicht gebildet, sowenig wie die Grazie seine Werke. Denn daer nur das Ausserordentliche und das Schwerein der Kunst suchete, so setzete er diesem dasGefällige nach, weil dieses mehr in Empfindungals in Wissenschaft bestehet; und um diese allent-halben zu zeigen, wurde er übertrieben. Seineliegenden Statuen auf den Grabmalen in derGroßherzoglichcn Capelle zu St. Lorenzo inFlorenz haben eine so ungewöhnliche Lage, daßdas Leben sich Gewalt anthun müßte, sich alsoliegend zu erhalten, und eben durch diese ge-künstelte Lage ist er aus dem Wohlstände derNatur und des Orts, für welchen er arbeitete,gegangen. Seine Schüler folgten ihm, und da" der Wissenschaft nicht crreicheten,und ihren Werken auch dieser Werth fehlere,so wird der Mangel der Grazie, da der Ver-stand nicht beschäftiget ist, hier noch merklicherund anstößiger. Wie wenig Guglielmo dcllaPorta, der beste aus dieser Schule, die Grazieund das Alterthum begriffen hat, siehet manunter andern an dem Farnesischen Stier, anwelchem die Dirce bis auf den Gürtel von sei-ner Hand ist. Johann Bologna, Algardi undFlamingo sind große Künstler, aber unter denAlte», auch in dem Theile der Kunst, wovonwir reden.