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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
123-124
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Johann Joachim Winckelmann. 124

Endlich erschien Lorenzo Bernini in derWell, ein Mann von großem Talent und Geiste,aber dem die Grazie nicht einmal im Traumeerschienen ist. Er wolte alle Theile der Kunstumfassen, war Maler, Baumeister und Bild-hauer, und suchte, als dieser vornehmlich, einOriginal zu werden. Im achtzehnten Jahremachte er den Apoll und die Daphne, ein wun-derbares Werk für ein solches Alter, und wel-ches versprach, daß durch ihn die Bildhauerei)auf ihren höchsten Gipfel kommen würde. Ermachte hierauf seinen David, welcher jenemWerke nicht beykommt. Der allgemeine Bey-fall machte ihn stolz, und es scheinet, sein Bor-satz sey gewesen, da er die alten Werke wedererreichen noch verdunkeln konnte, einen neuenWeg zu nehmen, den ihm der verderbte Ge-schmack selbiger Zeit erleichterte, auf welchemer die erste Stelle unter den Künstlern neuererZeit erhallen könnte, und es ist ihm gelungen.Von der Zeit an entfernte sich die Grazie gänz-lich von ihm, weil sie sich mit seinem Vorhabennicht reimen konnte. Denn er ergriff das ent-gegengesetzte Ende vom Alterthum: seine Bildersuchte er in der gemeinen Natur, und seinIdeal ist von Geschöpfen unter einem ihm un-bekannten Himmel genommen; denn in demschönsten Theile von Italien ist die Natur an-

ders als in seinen Bildern gestaltet. Er wurdeals der Gott der Kunst verehret und nachge-ahmet; und da nur die Heiligkeit, nicht dieWeisheit Statuen erhält, so ist eine Berninische5 Figur besser für die Kirche, als der Laocoon.Von Rom kannst du, mein Leser, sicher aufandere Länder schließen, und ich werde künftigNachrichten dazu ertheilen. Ein gepriesenerPuget, Girardon und wie die Meister in ong10 heißen, sind nicht besser. Was der beste Zeich-ner in Frankreich kann, zeiget eine Minerva ineinem Kupferleisten zu Anfang der geschnittenenSteine von Mariette.

Die Grazien standen in Athen beym Auf-15 gang nach dem heiligsten Orte zu : unsere Künst-ler sollten sie über ihre Werkstatt setzen und amRinge tragen, zur unaufhörlichen Erinnerung,und ihnen opfern, um sich diese Göttinnen holdzu machen.

20 Ich habe mich in dieser kurzen Betrachtungvornehmlich auf die Bildhauerey eingeschränket,weil man sie über Gemälde auch außer Italienmachen kann, und der Leser wird das Ver-gnügen haben, selbst mehr zu entdecken, als ich25 gesaget habe: ich streue nur einzelne Körner-aus zu einer größeren Aussaat, wenn sich Mußeund Umstände dazu finden werden.

III. Leschrcibuiig des Torso im öclvcdcre M kiom.

Ich theile hier eine Beschreibung des be- 35 denken und zu sagen wäre, und als eine Anzeigerühmten Torso im Belvedere mit, welcher ins- von Untersuchung in der Kunst. Denn es istgemein der Torso vom Michael Angela nicht genug zu sagen, daß etwas schön ist: mangenennet wird, weil dieser Künstler dieses Stück soll auch wissen in welchem Grade und warumbesonders hochgeschätzet, und viel nach demselben es schön sey. Dieses wissen die Antiquarii instudiret hat. Es ist eine verstümmelte Statue 40 Rom nicht, wie mir diejenigen Zeugniß geben .eines sitzenden He rku les, wie bekannt ist, und werden, die von ihnen geführet sind, und sehrder Meister desselben ist Appollonius, des wenige Künstler sind zur Einsicht des HohenNestors, Sohn von Athen. Diese Beschreibung und Erhabenen in den Werken der Alten ge-gehet nur aus das Ideal der Statue, sonderlich langet. Es wäre zu wünschen, daß sich jemandda sie idealisch ist, und ist ein Stück von einer 45 fände, dem die Umstände günstig sind, welcherähnlichen Abbildung mehrerer Statuen. eine Beschreibung der besten Statuen, wie sie

Die erste Arbeit an welche ich mich in Rom zum Unterrichte junger Künstler und reisender

machece, war, die Statuen im Belvedere, näm- Liebhaber unentbehrlich wäre, unternehmen und

lich den Apollo, den Laocoon, den sogenann- nach Würdigkeit ausführen könnte,ten Antinous, und diesen Torso, als das 50Vollkommenste der alten Bildhauerey, zu be- .

schreiben. Die Vorstellung einer jeden Statue

sollte zween Theile haben: der erste in Absicht Ich führe dich itzo zu dem so viel gerühmten,

des Ideals, der andere nach der Kunst; und und niemals genug gepriesenen Trunk einesmeine Meinung war, die Werke selbst von dem 55 Herkules; zu einem Werke, welches dasbesten Künstler zeichnen und stechen zu lassen- schönste in seiner Art, und unter die höchstenDiese Unternehmung aber ging über mein Ver- Hervorbringungen der Kunst zu zählen ist, vonmögen, und würde auf dem Vorschub freygebiger denen, welche bis auf unsere Zeiten gekommenLiebhaber beruhen; es ist daher dieser Entwurf, sind. Wie werde ich dir denselben beschreiben,über welchen ich viel und lange gedacht habe, 00 da er der schönsten und der bedeutendstenungeendiger geblieben, und gegenwärtige Be- Theile der Natur beraubet ist! So wie vonschreibung selbst möchte noch die letzte Hand einer prächtigen Eiche, welche umgehauen undnöthig haben. . von Zweigen und Aesten entblößet worden, nur

Man sehe sie an als eine Probe von dem, der Stamm allein übrig geblieben ist, so ge-zu was über ein so vollkommenes Werk der Kunst 65 mißhandelt und verstimmell sitzet das Bild des

Lesarten. S. 121. Z. 6Y. da er der zierlichsten nNd It. Z. 62. von einer mächtigen Eiche rc.