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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
127-128
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Johann Joachim Winckelmann.

Ausfluß aus. dem Gegenwärtigen, und wirketgleichsam eine plötzliche Ergänzung.

Die Macht der Schulter deutet mir an,wie stark die Arme gewesen, die den Löwenauf dem Gebirge Cithäron erwürget, und meinAuge suchet sich diejenigen zu bilden, die denCerberus gebunden und weggeführet haben.Seine Schenkel und das erhaltene Knie gebenmir einen Begriff von den Beinen, die niemalsermüdet sind, und den Hirsch mit Füßen vonErze verfolget und erreichet haben.

Durch eine geheime Kunst aber wird derGeist durch alle Thaten seiner Stärke bis zurVollkommenheit seiner Seele geführet, und indiesem Stücke ist ein Denkmal derselben, wel-ches ihm keine Dichter, die nur die Stärke sei-ner Arme besingen, errichtet: der Künstler hatsie übertreffen. Sein Bild des Helden giebtkeinen Gedanken von Gewaltthätigkeit und aus-gelassener Liebe Platz. In der Ruhe und Stilledes Körpers offenbaret sich der gesetzte großeGeist: der Mann, welcher sich aus Liebe zurGerechtigkeit den größestcn Gefährlichkeiten aus-gesetzet, der den Ländern Sicherheit, und denEinwohnern Ruhe geschaffet.

In diese vorzügliche und edle Form einerso vollkommenen Natur ist gleichsam die Un-sterblichkeit eingehüllet, und die Gestalt ist bloswie ein Gefäß derselben: ein höherer Geistscheinet den Raum der sterblichen Theile ein-genommen, und sich an die Stelle derselben aus-gebreitet zu haben. Es ist nicht mehr derKörper, welcher annoch wider Ungeheuer undFriedensstörer zu streiten hat: es ist derjenige,der auf dem Berge Oeta von den Schlackender Menschheit qereiniget worden, die sich vondem Ursprünge der Ähnlichkeit des Vaters derGötter abgesondert.

So vollkommen hat weder der geliebte

Hvllus, noch die zärtliche Jole den Herku-les gesehen; so lag er in den Armen der Hebe,der ewigen Jugend, und zog in sich einen un-aufhörlichen Einfluß derselben. Bon keiner sterb-5 lichen Speise und groben Theilen ist sein Leibernähret: ihn erhält die Speise der Götter,und er scheinet nur zu genießen, nicht zu neh-men, und völlig, ohne angefüllet zu seyn.

O möchte ich dieses Bild in der Größe und10 Schönheit sehen, in welcher es sich dem Ver-stände des Künstlers geoffenbaret hat, um nurallein von dem Ueberreste sagen zu können, waser gedacht hat, und wie ich denken sollte! Meingroßes Glück nach dem seinigen würde se»n,15 dieses Werk würdig zu beschreiben. Voller Be-trübniß aber bleibe ich stehen, und so wiePsyche anfing die Liebe zu beweinen, nachdemsie dieselbe kennen gelernet; so bejammere ichden unersetzlichen Schaden dieses Herkules,20 nachdem ich zur Einsicht der Schönheit desselbengelanget bin.

Die Kunst weinet zugleich mit mir: denndas Werk, welches sie den größten Erfindungendes Witzes und Nachdenkens entgegen setzen, und25 durch welches sie noch itzo ihr Haupt wie inihren goldenen Zeiten zu der größten Höhemenschlicher Achtung erheben könnte; diesesWerk, welches vielleicht das letzte ist, an wel-ches sie ihre äußersten Kräfte gewandt hat, muß30 sie halb vernichtet und grausam gemißhandeltsehen. Wem wird hier nicht der Verlust sovieler hundert anderer Meisterstücke derselben zuGemüthe geführet! Aber die Kunst, welcheuns weiter unterrichten will, rufet uns von35 diesen traurigen Ueberlegungen zurück, und zei-get uns, wie viel noch aus dem Uebriggebliebe-nen zu lernen ist, und mit was für einem Augees der Künstler ansehen müsse.

IV. AgcslinÄcr, polydorus und Athenadorus, und von ihrem Werke Llweoon.

Das gütige Schicksal, welches auch über haben, welches wir jedoch nicht beweisen können;

die Künste bei ihrer Vertilgung noch gewachet, die Vollkommenheit dieser Slarue aber machet

hat aller Welt zum Wunder nach dem Verluste es wahrscheinlich. Denn Plinius giebt die-sen unzähligen Werken der Kunst aus dieser selbe als ein Werk an, welches allen anderen

Zeit der höchsten Blüthe derselben das schätz- 50 sowohl der Malere» als der Bildhauers» vor-derste Denkmal zum Beweiß von der Wahrheit gezogen werden') müsse. Die Künstler derselben

der Geschichte von der Herrlichkeit so vieler ver- sind Agesander, Polydorus und Ath'e-

nichteten Meisterstücke in der Statue des Lao- nodorus aus Rhodus, von welchen der dritte

coon erhalten , wenn die Künstler derselben der Sohn des ersten war, und vermuthlich auch

zu den Zeiten Alexanders des Großen gelebet 55 der zweyte; denn daß Arhenodorus aus

Lesarten: S. l27 Z. 8. las Kniee ic. Z. Ilt Hirsch mit ehernen Küssen ic. A. lö. Statt „Stücke" hat dieAusgabe von Fernem „Sturze", was wohl ein Druckfehler Ist. Z. 22. der Man», welcher den Dichtern ein Beispielder Tugend geworden ist, der sich aus Liebe >c. Z. 2s. Diese vorzügliche und edle Form ir. ist gleichsam in die Un-sterblichkeit >c. Z, 51. „erhalten. Laocoon ist nach aller Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbenicht bestimmen, und wie einige gethan baben, die Olympias, in welcher diese Künstler gcblühet haben, angebenkann." I. AuSg. DreSd. 1761. gr. 1. 2 Thlc.

*1 Plinius meldet kein Wort von der Zeit, in welcher Agesander und die Gehülfen an seinem Werke gelebethaben: Masse, aber in der Erklärung alter Statuen hat wissen wolle», daß diese Künstler in der acht und acht-zigsten Olympiade geblühet haben, und auf dessen Wort haben Andere, als Richards,'» , nachgeschrieben. Jenerhat, wie ich glaube, einen AthcnodoruS unter des PolyclctuS Schülern (Plinius :>1, 8) für einen von unser»Künstler» genommen, und da PolhelctuS in der sieben und achtzigsten Olympiade geblühet, so hat man seinenvermeinten Schüler eine Olympias später gcsctzct: andere Gründe kau» Massel nicht haben. Kolli» ilünt. NM'.x>. 87) redet vom Laocoon, als wenn er nicht in der Welt wäre.