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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
131-132
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Johann Joachim Wmckelmann.

erschöpfet den Unterleib, und machet die Seitenhohl, welches uns gleichsam von der Bewegungseiner Eingeweide urtheilen läßt. Sein eigenesLeiden-aber scheint ihn weniger zu beängstigen,als die Pein seiner Kinder, die ihr Angesicht zuihrem Vater wenden, und um Hülfe schreyen:denn das väterliche Herz offenbaret sich in denwehmüthige» Augen, und das Mitleiden scheintin einem trüben Dufte auf denselben zu schwim-men. Sein Gesicht ist klagend, aber nicht schrei-end, seine Augen sind nach der Hähern Hülfegewandt. Der Mund ist voll von Wehmuth,und die gesenkte Unterlippe schwer von der-selben; in der überwärts gezogenen Oberlippeaber ist dieselbe mit Schmerz vermischet, welchermit einer Regung von Unmuth, wie über einunverdientes unwürdiges Leiden, in die Nasehinaustritt, dieselbe schwülstig macht, und sichin den erweiterten und aufwärts gezogenenNüstern offenbaret. Unter der Stirn ist derStreit zwischen Schmerz und Widerstand, wiein einem Punkte vereiniget, mit großer Weis-heit gebildet: denn indem der Schmerz dieAugenbraunen in die Höhe treibet, so drücketdas Sträuben wider denselben das obere Augen-fleisch niederwärts, und gegen das obere Augen-lied zu, so daß dasselbe durch das übergetreteneFleisch beynahe ganz bedeckt wird. Die Natur,welche der Künstler nicht verschönern konnte,hat er ausgewickelter, angestrengter und mäch-tiger zu zeigen gesuchet: da, wohin der größteSchmerz geleger ist, zeiget sich auch die größteSchönheit. Die linke Seite, in welche dieSchlange mit dem wüthenden Bisse ihren Giftausziehet, ist diejenige, welche durch die nächsteEmpfindung zum Herzen ain heftigsten zu leidenscheint, und dieser Theil des Körpers kann einWunder der Kunst genennct werden. SeineBeine wollen sich erheben, um seinem Uebel zu

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entrinnen; kein Theil ist in Ruhe; ja dieMeißelstreiche selbst helfen zur Bedeutung einererstarrelen Haut.

Es haben einige wider dieses Werk Zweifel5 aufgeworfen, und, weil es nicht aus einem ein-zigen Stücke besteht, welches Plinius vondem Laocoon in den Bädern des Litus ver-sichert, sondern aus zwey Stücken zusammen-gesetzet ist, will man behaupten, es sey der10 gegenwärtige Laocoon nicht der alte so berühmte.Pirro Ligorio ist einer von denselben, under will aus Stücken von Füßen und Schlangen,die größer, als die Natur, waren, und sich zuseiner Zeit fanden, glauben machen, der wahre15 alte Laocoon^sey viel größer als der itzige, ge-wesen, und dieses vorausgesetzet, will er.ange-zeigte Stücke viel schöner, als die Statue imBelvedere, gefunden haben: dieses schreibt der-selbe in seinen Handschriften in der Vaticani-20 schcn Bibliothek. Den unerheblichen Zweifelüber die zwey Stücke haben auch andere an-geführet, ohne zu bedenken, daß die Fuge ehe-mals nicht, wie itzo, sichtbar gewesen seyn wird.Das Vorgebe» des Ligorio aber ist nur zu25 merkön wegen eines zerstümmeltcn Kopfs überLebensgröße unter den Trümmern hinter demFarnesischen Pallaste, an welchem man nocheine Aehnlichkeit mit dem Kopfe des Laocoonbemerket, und der vielleicht zu den obigen Füßen00 und Schlangen gehöret; itzo ist dieser zerstüm-melte Kopf, nebst andern Trümmern, nachNeapel geführet worden. Ich kann nicht un-angemerket lassen,, daß sich zu St. Jldefonso,dem Lustschloffe des Königs in Spanien, ein55 erhoben gearbeitetes Werk findet, welches denLaocoon, nebst seinen beyden Söhnen, vor-stellet , über welchen ein fliegender Cupidoschwebet, als wenn er ihnen zu Hülfe kommenwollte.

V. Üeschrcilttmq des Apollo i»i üelvkderc ZU Rom.

Die Statue des Apollo ist das höchste Idealder Kunst unter allen Werken des Alterthums,welche der Zerstörung entgangen sind. DerKünstler derselben hat dieses Werk gänzlich aufdas Ideal gebauet, und er hat nur eben so vielvon der Materie dazu genommen, als nöthigwar, seine Absicht auszuführen und sichtbar zumachen. Dieser Apollo übertrifft alle andereBilder desselben so weit, als der Apollo desHomerus den, welchen die folgenden Dichtermalen. Ueber die Menschheit erhaben ist seinGewächs, und sein Stand zeuget von der ihnerfüllenden Größe. Ein ewiger Frühling, wiein dem glücklichen Elysien, bekleidet die reizendeMännlichkeit vollkommener Jahre mit gefälligerJugend, und spielet mir sanften Zärtlichkeitenauf dem stolzen Gebäude seiner Glieder. Gebemit deinem Geiste in das Reich »»körperlicherSchönheiten, und versuche ein Schöpfer einerHimmlischen Natur zu werden, um den Geistmit Schönheiten, die sich über die Natur er-heben, zu erfüllen: denn hier ist nichts Sterb-liches, noch was die menschliche Dürftigkeit er-fordert. Keine Adern noch Sehne» erhitzen und

regen diesen Körper, sondern ei» HimmlischerGeist, der sich wie ein sanfter Strom ergossen,hat gleichsam die ganze Umschreibung dieserFigur erfüllet. Er hat den Python, wider50 welchen er zuerst seine» Bogen gebraucht, ver-folget, und sein mächtiger Schritt hat ihn er-reichet und erleget. Von der Höhe seiner Ge-nügsamkeit geht sein erhabener Blick, wie insUnendliche, weit über seinen Sieg hinaus: Ver-55 achtvng sitzt auf seinen Lippen, und der Un-muth, welchen er in sich zieht, blähet sich in-den Nüstern seiner Nase, und tritt bis in diestolze Stirn hinauf. Aber der Friede, welcherin einer seligen Stille auf derselben schwebet,00 bleibt ungestört, und sein Auge ist voll Süßig-keit, wie unter den Musen, die ihn zu umarmensuchen. In allen uns übrigen Bilder» des Va-ters der Götter, welche die Kunst verehret,nähert er sich nicht der Größe, in welcher er05 sich dem Verstände des göttlichen Dichters offen-barere, wie hier in dem Gesichte des Sohnes,und die einzelnen Schönheiten der übrigen Göt-ter treten hier, wie bey deck Pandora, in Ge-meinschaft zusammen. Eine Stirn des Jupiters.