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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Gotthold Ephraim Messing.

Aber wir Neueren haben in mehrerenStücken geglaubt, uns weit über sie weg zusetzen, wenn wir ihre kleinen Luftwege in Land-straßen verwandelten; sollten auch die kürzerenund sicherern Landstraßen darüber zu Pfaden ein-gehen, wie sie durch Wildnisse führen.

Die blendende Antithese des griechischen Vol-taire, daß die Malerei eine stumme Poesie, unddie Poesie eine redende Malerei sey, stand wohlin keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wieSimonides mehrere hatte; dessen wahrerTheil so einleuchtend ist, daß man das Unbe-stimmte und Falsche, welches er mit sich führet,übersehen zu müssen glaubet.

Gleichwohl übersahen es die Alten nicht.Sündern indem sie den Ausspruch des Simo-nides auf die Wirkung der beiden Künste ein-schränkten, vergaßen sie nicht einzuschärfen, daß,ungeachtet der vollkommenen Aehnlichkeit dieserWirkung, sie dennoch, sowohl in den Gegen-ständen, als in der Art ihrer Nachahmung ver-schied-» wären.

Völlig aber, als ob sich gar keine solcheVerschiedenheit fände, haben viele der neuestenKunstrichier aus jener Uebereinstimmung derMalerei und Poesie die crudesten Dinge vonder Welt geschloffen. Bald zwingen sie diePoesie in die engeren Schranken der Malerei;bald lassen sie die Malerei die ganze weiteSphäre der Poesie füllen. Alles, was der einenrecht ist, soll auch der andern vergönnt seyn;alles, was in der einen gefällt oder mißfällt,soll nothwendig auch in der andern gefallen odermißfallen; und voll von dieser Idee, sprechensie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtestenUrtheile, wenn sie, in den Werken des Dichtersund Malers über einerlei Vorwurf, die darinbemerkten Abweichungen von einander zu Feh-lern machen, die sie dem einen oder dem andern,nachdem sie entweder mehr Geschmack an derDichtkunst oder an der Malerei haben, zur Lastlegen.

Ja, diese Aftercritik hat zum Theil die Vir-tuosen selbst verführet. Sie hat in der Poesiedie Schilderungssucht, und in der Malerei dieAllegoristerei erzeugt; indem man jene zu einemredenden Gemälde machen wollen, ohne eigentlichzu wissen, was sie malen könne und solle, unddiese zu einem stummen Gedichte, ohne überlegtzu habln, in welchem Maaße sie allgemeineBegriffe ausdrücken könne, ohne sich von ihrerBestimmung zu entfernen und zu einer will-kührlichen Schriftart zu werden.

Diesem falschen Geschmacke, und jenen un-gegrundeten Urtheilen entgegen zu arbeiten, istdie vornehmste Absicht folgender Aufsätze.

Sie sind zufälliger Weise entstanden, undmehr nach der Folge meiner Lektüre, als durchdie methodische Entwickelung allgemeiner Grund-sätze angewachsen- Es sind also mehr unor-dentliche Eollectanea zu einem Buche, als einBuch.

Doch schmeichele ich mir, daß sie auch alssolche nicht ganz zu verachten seyn werden. Ansystematischen Büchern haben wir DeutschenÜberhaupt keinen Mangel. Aus ein Paar

angenommenen Worterklärungen in der schön-sten Ordnung Alles, was wir nur wollen, her-zuleiten, darauf verstehen wir uns trotz einerRation in der Welt.

5 Baumqarten bekannte, einen großen Theilder Beispiele in seiner Aesthetik, Geßner'sWörterbuche schuldig zu seyn. Wenn meinRaisonnement nicht so bündig ist, als dasBaumgartensche, so werden doch meine10 Beispiele mehr nach der Quelle schmecken.

Da ich von dem Laokoon gleichsam aus-setzte, und mehrmals auf ihn zurückkomme, sohabe ich i!>m auch einen Antheil an der Auf-schrift lassen wollen. Andere kleine Ausschwei-15 fungen über verschiedene Punkte der alten Kunst-geschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei,und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemalseinen bessern Platz zu geben hoffen kann.

Noch erinnere ich. daß ich unter dem Na-20 men der Malerei, die bildenden Künste überhauptbegreife: so wie ich nicht dafür stehe, daß ichnicht unter dem Namen der Poesie, auch aufdie übrigen Künste, deren Nachahmung fort-schreitend ist, einige Rücksicht nehmen dürfte-25

I. Das allgemeine vorzügliche Kennzeichender griechischen Meisterstücke in der Malerei und30 Bildhauerkunst, setzt Herr Winkelmann ineine edle Einfalt und stille Größe, sowohl inder Stellung als im Ausdrucke. „So wie dieTiefe des Meeres," sagt er,'> allezeit ruhigbleibt, die Oberfläche mag auch noch so wüthen,35 eben so zeiget der Ausdruck in den Figuren derGriechen bei allen Leidenschaften eine große undgesetzte Seele?'

„Diese Seele schildert sich in dem Gesichtedes Laokoon, und nicht in dem Gesichte allein,40 bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, wel-cher sich in allen Muskeln und Sehnen desKörpers entdecket, und den man ganz allein,ohne das Gesicht und andere Theile zu betrach-ten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe45 beinahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz,sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wuthin dem Gesichte und in der ganzen Stellung.Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Vir-gil von seinem Laokoon singet; die Oefnung50 des Mundes gestattet es nicht; es ist vielmehrein ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie esSadolet beschreibet. Der Schmerz des Kör-pers und die Größe der Seele sind durch denganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke aus-55 getheilt, und gleichsam abgewogen. Laokoonleidet, aber er leidet wie des Sophokles Phi-loktet: sein Elend geht rins bis an die Seele;aber wir wünschen, wie dieser große Mann dasElend ertragen zu können."

60 „Der Ausdruck einer so großen Seele gehtweit über die Bildung der schönen Natur. DerKünstler mußte die Stärke des Geistes in sichselbst fühlen, welche er seinem Marmor ein-prägte. Griechenland hatte Künstler und Welt-65 weise in einer Person, und mehr als einenMelrodor. Die Weisheit reichte der Kunst die

Prn der Nachahmn,!-, der ancchischcn Werke II, der Malerei INI» Bildhauerkunst, S. 21,